Katalog Marwan 1971 Galerie Lietzow

Text von Alexander Dückers
Zu den Bildern von Marwan
Marwan ist ein Figurenmaler. In meist großen Formaten vergegenwärtigt er Einzelgestalten oder Paar vor weit ausgespannten Hintergrundflächen, deren stoffliche und räumliche Qualität im Ungewissen belassen sind. Da ihre Umgebung nicht näher definiert oder nur vage durch ein Bodenstück gekennzeichnet ist, erscheinen die Gestalten losgelöst von der mit Zufälligkeiten durchsetzten Alltagsumwelt. Die Vereinzelung der Figur, die Unbestimmtheit des den Gegenstand aussparenden Ambiente und der beruhigte, tonige Farbvortrag schaffen auf der Leinwand, im Sinne der ungestört sich dehnenden Bildfläche, und im Betrachter, auf der Ebene seiner Aufnahmefähigkeit, einen freien Raum, in dem die verhaltene Sprache der Gebärde, des Blicks und des Tastens vernehmbar wird.
In den frühen Bildern werden Sinne und Sinnlichkeit manchmal in an den Surrealismus erinnernden Lustgefühl für amorphe, aber gleichwohl organhafte Gebilde veranschaulicht. Ebenso wird die Stofflichkeit des Leibes in lappen- und wulstartigen Auswüchsen des Fleisches betont. Zu gleicher Zeit entstehen die Einzelfiguren von Männern, an die sich das nackte Bein einer Frau lehnt (”Das Knie”), oder deren Leib eng umfangen ist von den Armen einer anderen Gestalt, deren Körper nur sichtbar wird in dieser einen Gebärde der Berührung (”Mann mit umschlungenen Armen”). dieses Sichtbarmachen einer hinzutretenden Gestalt allein in einem einzelnen, bezugträchtigen Fragment ihres Körpers tritt später als Mittel, die sinnenhafte Beziehung zwischen Personen zu verbildlichen, ganz zurück. Die Verhüllung aber, die hier ebenso stattfindet, bleibt in Marwans Malerei ein bedeutsames Motiv. Im “Mann mit umschlungenen Armen”, der seinen Körper das ihn wie ein Gürtel umschließende Armpaar fast gänzlich anverwandelt und auf diese Weise eindringlich die Sinnenhaftigkeit der Gebärde wiedergibt, entlässt der eine weitgeschwungene Arm eine in der Beweglichkeit jedes Fingerglieds empfindsamen Tastsinn spiegelnde Hand. Der andere Arm ist hinter den Rücken geschoben, versteckt, als gelte es, ein Geheimnis zu wahren. Während die Gebärde der einen Hand, ähnlich auch in dem “Stehenden Mädchen”, als Wirkraum fast die Hälfte der Bildfläche, die große Negativform zwischen dem Kontur des Arms und dem Rahmen hat, bleibt das Tun der anderen verhüllt. Ein ähnlicher Gegensatz zwischen offen sich vollziehender und unsichtbarer Gebärde findet sich in der “Begegnung”, ja hier folgen die Körper selbst in ihren Wendungen diesen sich gegenseitig in der Wirkung steigernden Verhaltensweisen. Zur Unbestimmtheit des Ambiente treten als weitere Momente des Ungewissen das Verschweigen des tatsächlichen Vorgangs und das partielle Verdecken der Gestalt hinzu, die in jüngsten Werken, wie “Der Verdeckte” und “Das Tuch”, alleiniges Bildthema werden. Schließlich ist in diesem Zusammenhang die manchmal ungewisse Geschlechtlichkeit der Dargestellten zu nennen.
Das sind Darstellungsmittel, die nicht auf die Schilderung eines Ereignisses zielen, sondern eher dem lyrischen Entwurf einer Situation, einer Stimmung eignen, so auch das lyrische Gedicht durch das bewusste Offenlassen des Warum und des Ortes eines Geschehens, der näheren Umstände und der Beweggründe eines Verhaltens seine Wirkung tut.
Aus Scheu, eine Geschichte zu erzählen, mag auch die zweite Person im “Mann mit umschlungenen Armen” und den verwandten Bildern allein in einer Gebärde vergegenwärtigt sein, denn immer dort, wo zwei oder mehre Personen im Bild erscheinen, stellt sich die Frage ein nach dem Bezug, den sie untereinander haben, tritt die Neugier nach der Story auf. In der “Begegnung”, der “Umarmung” und dem “Paar”, die das Zusammensein eines Mannes und einer Frau offen, ohne literarische Umschweife zum Thema wählen, erscheint dieser Bezug, selbst bei eindeutiger Gebärde, als erregtes Zaudern vor der Hinwendung, als Erfühlen und schüchternes Berühren des anderen, ohne aus der Stille des Bei-Sich-Seins herauszutreten. Das Ungesagte ist so wichtig wie die andeutende Geste, die Story wird nicht erzählt.
Die verschiedenen Versionen des “Liegenden”, wie auch “Mann mit Puppe”, sublimieren das Thema. Der Mann im Bett, eigentlich nur Kopf und suchende Hand, während sein Körper bedeckt ist von einem wie eine Landschaft sich dehnenden, der Bewegung des Arms sekundierenden Laken, tastet nach der im Fetisch des Schuhs erinnernden Frau. Der Gebärde gehört wiederum die Hälfte der Bildfläche, und sie spricht so eindringlich, dass sie auch als “Ausschnitt” (”Liegender IV”) die Aussagekraft nicht verliert.
In den die ganze Figur wiedergebenden Fassungen verhüllt das große Laken den Körper und möchte ihn gleichzeitig als eine einzige, nicht in Gliedmaßen geschiedene, atmende Einheit vergegenwärtigen. Unter diesem Aspekt gesehen hat auch das Verstecken der Arme bei den übrigen Gestalten einen doppelten Sinn. Arme und Hände liegen dem Körper an als wollten sie, die eigene Leiblichkeit ertastend, mit ihm eins werden.
Diesem Verweilen in sich selbst entsprechen einzelne Motive wie die Neigung des Kopfes (”Umarmung”), das Zusammenziehen des Körpers in Schultern und Hüften (”Begegnung”), (”Stehendes Mädchen”), ebenso die distanzierende Untersicht (”Brustbild”, “Stehendes Mädchen”), und der nicht ein Gegenüber fixierende, sondern sinnende Blick. Der Körper wird auf diese Weise als ein sich in sich selbst bewegendes Gebilde vorgestellt, gleichzeitig wird ihm die lastende Schwere genommen, woran auch die Frontalität der Gestalten, ihre von fern an Munch erinnernde Konturierung, ihr labiles Stehen oder die Vergegenwärtigung der Figur im ausschnitt, der ihr Auflasten auf dem Boden nicht zeigt, mitwirken. Schließlich entwickelt sich der Bildraum, in dem volle Plastizität des Körpers veranschaulicht werden könnte, nicht so sehr in die Tiefe als vielmehr bildparallel, so dass die Bewegung der Figur, ihre Gebärdensprache, in der Fläche ablesbar ist.
Dies alles sind Mittel, die Hände und das Gesicht zu den bevorzugten Ausdrucksträgern zu machen. Hier findet sich dann auch starke plastische Durchbildung. Die Einzelpartien des Gesichtes, auch Arme und Hände sollen nicht linear umschrieben, sondern in ihren Wölbungen  und ihrer fleischlichen Stofflichkeit vergegenwärtigt werden. Die Gestalt der Sinnesorgane Augen, Nase und Mund und der Hände soll dabei nicht im Sinne der Wiedergabe eines auch außerhalb der Malerei existierenden Gegenstandes abgebildet werden, sondern unmittelbar aus der Art des Farbauftrags selbst, aus Pinselstrichen und Flecken entstehen. Augenhöhlen. Nase und Lippen sind von Flecken “umkreist” und schälen sich aus diesen heraus. Insbesondere Marwans Zeichnungen und Aquarelle zeigen das Bemühen um diese besondere Art der Vergegenwärtigung des Gegenstandes im Sinne seiner Neuschaffung durch Malerei, das in den Gemälden, im Verein mit der Größe des Formats, zu einer in ihrer Eindringlichkeit das Furchterregende streifenden Anwesenheit der Gestalt führt. Einheit von Gegenstand und Farbauftrag ist das Ziel, das sich, mit welchen Untersieden auch immer im Darstellungsgegenstand und den von diesem vermittelten Gefühlswerten, auch Maler wie Wols, Michaux und Bacon setzten.
Alexander Dückers

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