Katalog Asta Faillard 1971

Galerie Lietzow
Text von Hans Kinkel
Zu Asta Faillard und ihren Zeichnungen
Kein Supergirl und kein Geheimtip, um vorzubeugen. Ein normaler Fall, ein alltägliches Resultat? Man wird skeptisch, wenn man ihre hermetischen Chiffren genauer befragt, wenn man der psychologischen Antenne eher Traut als der formalistischen Neugier. Es beginnt mit skurrilen Szenerien, in denen phantastische Erfindung und illustrativer Effekt miteinander konkurrieren. Das ist 1967. Ein holländischer Sommer fördert die Lust an erzählerischen Pointen, die Gegenstand und Figur in ein bizarres Flächenspektakel überführen. Farbstift, kleine Formate, Titel á la “Kopfbäume”. Aus dieser quasi surrealen Definition hätte sie eine bequeme Spielart, ein risikoloses Muster entwickeln können. Was sie davon abhielt, war nicht falsche Bescheidenheit oder kokette Unlust: die scheinbar willkürliche Groteske hatte tiefere Gründe.
Hier formulierten sich zeichnerische Ansätze einer persönlichen Wirklichkeitserfahrung, einer subjektiven Empfindung, die in der Natur der Dinge konträre, rätselhafte, bedrohliche Aspekte erspürte, die mit der sichtbaren Welt einen unsichtbaren Konflikt austrug. Spuren dieser individuellen Konfliktsituation waren mit den Zeichnungen aus Holland präsent geworden; in der Folgezeit nimmt die seismographische Botschaft immer stärker psychologische Färbung an. Freudianer mögen in den Blättern in ihren üppig wuchernden Schwellformen, ihren lasziv ausgreifenden Lineaturen und ihren penetrant verschlüsselten Symbolismen ideale Fundgruben einer entlarvenden Analyse und eines ernüchternden Protokolls erblicken: die Urheberin dieser merkwürdigen Offenbarungen, jenes “privatimen Spiels, das nichts verändern oder beeinflussen will”, kann solchen Perspektiven getrost ignorieren.
Sie zählt zum Jahrgang 1939. Mit dem Krieg, mit Zerstörung und Tod wächst sie auf. Kindheit in Berliner Luftschutzkellern: ein halbes Haus stürzt über ihr zusammen. Sie ist sechs, als sie ein Exekution beobachtet. Angst begleitet sie, treibt sie nachts durch Trümmerwüsten, stürzt sie in Traumorgien, die ihr die schauerlichsten Visionen vermitteln. Nach einer möglichen Überwindung dieses Zustands befragt, gibt sie an: “Traum und Wirklichkeit verbinden sich so, dass ich morgens nach dem Aufwachen kaum unterscheiden, trennen kann”. Das ist der Punkt, wo die Zeichnung ihre legitime Funktion und ihre inhaltliche Dimension gewinnt. “Von innen nach außen kehren – das gibt mir eine Befreiung”. So gerät ein weit eher auf Verlangen statt Anspruch gerichteter Impuls, der sich als Lustvorgang statt Kunstehrgeiz erweist, zur Therapie erlebter und erlittener Schrecknisse. Typisch, dass die Zeichnungen in vollständiger oder mindestens erwünschter Isolation entstehen, dass an ihnen lange und ausdauernd, mit ständigen Korrekturen und produktiven Zweifeln, gearbeitet wird, dass sich das unheimlich-schockierende Detail nach wie vor als erste Instanz, als zentrales Argument behauptet. Auf dem Wege, einen “festgehaltenen Zustand” mit den Elementen von Fläche und Linie zu objektivieren, ist eine wesentliche Station erreicht. Der deskriptive Elan, das illustrative Pathos der Anfänge sind dahin – mit der inneren Entwicklung der Zeichnerin haben sich Gestik und Stimmung der Blätter gewandelt. Im gleichen Maße, wie sich die persönliche Sicht der Dinge, die eigene Erfahrung der Realität klärten, hob der Gegenstand der Metapher, die identifizierbare Einzelheit das phantastische Motiv auf. Distanz zu Emotion und Einfall wird spürbar; die “abstrakte” Textur des Blei- und Silberstifts dringt in die illusionistische Rhetorik der Farbstifte ein. Erhalten hat sich ein Instrumentarium dynamischer, flächensüchtiger, pervertierter Formen, die sich als Hinweis auf das allgemeine Phänomen der Aggression bestätigen. “Ich mache Beobachtungen, dass Zerstörung stattfindet: ich sehe die Gefahr, nicht die Zerstörung selbst”.
Diese wachsam protokollierten Elemente einer destruktiven Wirklichkeit, einer bedrohten und bedrohlichen Existenz haben mit den konventionellen Arabesken einer phantastischen Kunstübung nur mehr wenig gemeinsam: sie schaffen sich ihre eigenen Szenerien und Statisten. Anstöße zur Erschütterung, sprich zur Zeichnung, können unscheinbar, banal, harmlos, nebensächlich sein: die Stille eines Zimmers gerät unvermittelt zum Code des Infernos.

(weiterlesen…)