Katalog Martin Dittberner 1974 Galerie Lietzow

Text von Helmut Börsch-Supan
Zu den Aquarellen von Martin Dittberner
Martin Dittberner malt seit zwei Jahren auch Aquarelle, nachdem er vorher zu dem Stammland der Ölmalerei sich die Provinzen der Handzeichnung und der Radierung erobert hatte. Aber wie er in Stil und Motiven sich selbst treu bleibt, so ist auch die neue Technik nicht grundsätzlich verschieden von der seiner Ölbilder. Die Wasserfarbe wird in zahlreichen dünnen, lasierenden Schichten und Flecken aufgetragen, sodass sie trotz der wenig materiellen Wirkung, die sie von Natur aus besitzt, eine Tiefendimension erhält. Während die Tiefe seiner Ölbilder jedoch dunkel ist – man kann sie den Siegelungen im Wasser vergleichen -, bleibt bei den Aquarellen stets das Weiß des Papiers als ein positiver, heiterer Grund, als eine Quelle von Licht spürbar. Die Erinnerung an Wasser wird durch die Technik selbst geweckt. Bei manchen Landschaften hat man zudem aufgrund der gebrochenen Farben, bisweilen auch durch Spiegelungen, den Eindruck, es habe vor kurzem geregnet oder es drohe ein Regen. In keinem Blatt ist der Himmel ungetrübt. Schließlich wird an das Element Wasser durch immer wieder kehrende Dinge wie Schiffe, Schiffsmasten, die sogar isoliert in einer Stadt aufragen können, Fische und das Meer selbst erinnert. Wenn Häuser auf Pfählen gegründet sind, denkt man an ein deutsches dörfliches Venedig.
Die Motivwelt Dittberners ist klein, wie es das Format seiner Arbeiten ist, und sie verweist auf die Vergangenheit, deren Zentrum, wollte man ihn ungefähr bestimmen, vom Archaischen bis in die Kinderzeit des Malers reicht. Es gibt immerhin Frachtdampfer, die um 1900 gebaut sein könnten, und kleine Vorstadt- oder Dorfhäuser, die auch heute noch nicht abgerissen sein müssen. Alles Moderne ist dagegen konsequent ausgeschlossen. Beinahe jedes Ding scheint von Hand gemacht. Die konstruktiven Elemente, die immer wieder betont werden (ja sogar die Bäume scheinen wie in einem französischen Garten geometrischen Gesetzen unterworfen) sind deshalb nie völlig exakt. Alles ist etwas unregelmäßig und daher in seinem Bestand gefährdet: Das sauber geschichtete Mauerwerk, das Fachwerk, die Pfahlroste. Außer der menschlichen Hand ist hier auch das zerstörende Wirken der Zeit zu spüren. Reminiszenz an Vergangenes bedeutet jedoch nicht historisches Panorama, sondern ist Erinnerung an ursprüngliche Menschlichkeit und Natürlichkeit, für die die Kindheit zum Gleichnis wird. So lassen die Blätter mit ihrer Spielzeugwelt an einen Blick durch ein umgekehrtes Fernglas in märchenhafte Bereiche denken, die zudem stets eine persönliche Beziehung zum Künstler zu besitzen scheinen, so z.B. der in den Bildtiteln häufig zitierte Don Pansa, der emanzipierte und nun gleichberechtigte Diener jenes Ritters von der traurigen Gestalt, mit dem sich Künstler schon oft verglichen haben.
Dittberners Welt ist trotz ihrer Liebenswürdigkeit pessimistisch, darüber sollte auch die relativ heitere und leichte Note der Aquarelle nicht hinwegtäuschen. Die Vorliebe für Märchenhaftes ist nicht Verharren in kindlichen Vorstellungen, sie beruht auf einer klaren Erkenntnis der Wirklichkeit und der Möglichkeiten für die Kunst – freilich speziell seiner eigenen. Sein Künstlertum hat sich aufgrund einer Skepsis gegenüber dem Reklamecharakter des Kunstbetriebes und seiner Bevorzugung von Brutalität und Oberflächlichkeit (die so schnell angesichts tatsächlicher Ohnmacht in Lächerlichkeit umschlägt) in eine andere Richtung entwickelt und Eigenschaften ausprägt, die im Kunstleben heute zwar nicht sehr hoch im Kurs stehen, im praktischen Alltag jedoch immer noch geschätzt und als notwendig angesehen werden: Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit, Gewissenhaftigkeit.
Das sind Rückzugspositionen, die Dittberner verteidigt. (Vielleicht liegt darin etwas Zeitgenössisch-Berlinisches, wie überhaupt der Zusammenhang von Dittberners Kunst mit dem Ort ihrer Entstehung nicht übersehen werden darf.) Die Inseln, Oasen, kleinen, dicht zusammengeschlossenen Gemeinwesen, die Dittberner immer wieder malt, sind Ausdruck seines Willens, vor der mit Leidenschaft betriebenen Zerstörung etwas zu retten. Man könnte seine Malerei eine Anti-Antikunst nennen. Das kleine Format seiner Arbeiten, die sorgfältige Ausführung, das Wachstum seiner Malerei auf einer beengten Grundfläche in eine Tiefendimension hängen notwendig damit zusammen. Vor diesem Hintergrund gesehen lassen Dittberners Aquarelle mit ihrer Leichtigkeit und Zartheit eine neue Gelassenheit in der Verteidigung seiner Position erkennen.
Helmut Börsch-Supan

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