Katalog Leo de Laforgue 1970 Galerie Lietzow

Text von Leo de Laforgue
Schließt man das leibliche Auge, damit man mit dem geistigen das schöpferisch umzuschmelzende Bild sieht, dann wird im Verein mit dynamischer Tatkraft, Schaffensdrang und vitaler Phantasie tatsächlich ein neues Bild vollendet, das in vielfach nuancierter Verfeinerung, sozusagen in einer Abreagierung der sensiblen Hochspannung, ausgeschöpft wird.
Denn beim Malen gibt es eine Dreieinigkeit der Dinge: Das Gehirn, das Auge, die Hand! Das Hirn gebiert und ordnet die Logik der Sinnesempfindungen, das Auge filtert die flirrende Natur der Erscheinungen, die Hand harmonisiert die bildnerischen Mittel zur sichtbaren Wirkung gewordenen, intensiven Bildautonomie.
Manchmal quillt aus allen Seelenwinkeln, aus allen Nervenwindungen das Eingesperrte wie Lava heraus und ergießt sich wie vulkanisches Magma, Element der Urkraft, über die blanke Leinwand und wird in einem Dutzend Pinselstrichen hingewuchtet, so dass oft in wenigen Minuten, ja Sekunden, sich alles zum kristallisch fertigen Bild vollendet.
Eine sprunghaft federnde Vision hypnotisch niederzumalen, ist vollkommener als die akademisch linear geordnete Betrachtung des Optisch-Farblichen. Die meisten gelernten Maler zeichnen haargenau die Gegenstände oder geometrischen Figuren, linieren gradlinig mit Maßstab und ziehen Kreise mit Zirkel und Kurven-Schablonen. Dann leisten sie die Sisyphus-Arbeit der chemisch reinen und doch synthetischen Peinture! Nicht die feinste Nuance ist verschwommen, nicht die leiseste Schwingung entgleitet, die Präzision der Peinture steht akademisch rein klar da! Der Wachtraum verwandelt sich in das höchste Geheimnis der Kunst, die dem Pinsel ekstatisch, ja,  dämonisch übertragen wird und vermittels der vibrierenden Farbe eine geheimnisvolle Schönheit hervorzaubert!
Ist das Bild vollgesaugt mit der farblichen Substanz, ist auch der Wachtraum meist wie weggeblasen, und man kann sich der vorhergegangenen Dinge nicht mehr erinnern. Aber alles ist ja nunmehr auf der Leinwand fixiert, und beim Betrachten des nun fertigen Bildes lodern zwar die erschlafften Visionen noch einmal blitzartig zur vollen Glut auf. Oft ist man schier erschrocken, wie durch die gesteigerte Phantasie das Farbsehen intensiviert wird – bis zur manchmal erschreckenden Farbgewalt. Manchmal ist alles getaucht in eine düstere Farbpracht, in der nur eine kleine Flamme wabert und dann erlöscht in einem erregenden letzten Aufzucken!
Sogar ein Musikstück kann zu einem neuartigen Farberlebnis werden. Man hört einen Ton, er hängt in der Luft, glitzert, pulsiert, er hängt da zeitlos, während man selbst langsam um ihn herumzuschweben glaubt. Da schlingt sich ein anderer Ton einwärts und man umkreist beide Töne, die sich harmonisch durchdringen, zu eins werden. Nun sieht man diese Töne förmlich in Gestalt einzelner tanzender Teilchen sich winden, sich kringeln, sie sind sichtbar geworden. Die Musik entfaltete sich in vielfarbigen Mustern. Nunmehr braucht die Hand sich nur auszustrecken nach den Pinseln, zuckend zur Musik wird das flirrende Licht mit inspirativer Geschwindigkeit auf die Leinwand gebannt. Ein schöpferischer Prozess ist beendet. In schlackenloser Reinheit, in irisierender Farblichkeit steht das gemalte Werk im Filigran der Vollendung. Zwölf Milliarden Nervenzellen hat das menschliche Gehirn. Und in einem unendlichen Gewimmel von Milliarden bunter Schmetterlinge prasseln die Feuerwerkskörper der Gedanken, die mit dämonischer Kraft das Leben gierig umklammern, um ihm das Höchste der Kunst zu entpressen!
Der Laie sucht im Kunstwerk nur das mikroskopisch getreue Abbild der Natur, der Kunstverständige indessen sucht den Künstler, der dem Urbild esoterisch gerecht wird und seine Seelenregungen in absichtslosen Kunstwerken offenbart, ihn sogar mit seinem psychischen, dämonischen Automatismus ungedämpft und aufreizend zu schockieren vermag!
Ähnlich wie bei den Mystikern besteht sein Ziel in der Erreichung des Geistigen und in der Turbulenz einer nur emotional durchdringenden Sphäre unter Verzicht auf die präzise Form, wobei geradezu asketisch jeder photographie-ähnliche Realismus vermieden wird.
Der wahre Realismus für den nach innen Gerichteten ist nicht der, der die natürlichen Vorgänge beschreibt und Dinge präzisiert, sondern jener, der mit größtmöglicher Treue solche Visionen wiedergibt, die von der Vorstellungskraft im Augenblick der Inspiration empfangen wurden. Die eigentliche Wirklichkeit ist die innere Wirklichkeit, mag sie noch so abstrakt und metaphysisch erscheinen. Der schöpferische Vermittler zu einem Dritten, Nichtmusischen, aber ist heute allein noch der Künstler, der aus dem unbekannten dunklen Labyrinth herausführt zu dem Akt der ewigen Hochzeit von Licht und Finsternis in der menschlichen Seele!
Die automatische meditative Niederschrift des inneren Diktates ist ihm alles, auch wenn die Traumprotokolle, der Traum-Realismus, noch so verworren und verfilzt ist. Anstelle des gewohnten Einmaleins der akademischen Kunst ist das magische Rechnen der Gehirnmaschinerie, des Halluzinationskomputers, getreten. Die Lösung findet der Betrachter nur in sich selber und zwar in der gleichen visionären metaphysischen Tiefenschicht, aus welcher der Künstler geschöpft hat. Der nach innen gerichtete Künstler will ausschließlich das Nicht-Materielle darstellen. Zwar endet die Phantasie dort, wo die Schöpfung anfängt, die, aus dem Reich zwischen Tag und Nacht geboren, sich aus den gespenstigen Phantasmagorien entwickelt.
L.d.L.

Text von Leo de Laforgue

Schließt man das leibliche Auge, damit man mit dem geistigen das schöpferisch umzuschmelzende Bild sieht, dann wird im Verein mit dynamischer Tatkraft, Schaffensdrang und vitaler Phantasie tatsächlich ein neues Bild vollendet, das in vielfach nuancierter Verfeinerung, sozusagen in einer Abreagierung der sensiblen Hochspannung, ausgeschöpft wird.

Denn beim Malen gibt es eine Dreieinigkeit der Dinge: Das Gehirn, das Auge, die Hand! Das Hirn gebiert und ordnet die Logik der Sinnesempfindungen, das Auge filtert die flirrende Natur der Erscheinungen, die Hand harmonisiert die bildnerischen Mittel zur sichtbaren Wirkung gewordenen, intensiven Bildautonomie.

Manchmal quillt aus allen Seelenwinkeln, aus allen Nervenwindungen das Eingesperrte wie Lava heraus und ergießt sich wie vulkanisches Magma, Element der Urkraft, über die blanke Leinwand und wird in einem Dutzend Pinselstrichen hingewuchtet, so dass oft in wenigen Minuten, ja Sekunden, sich alles zum kristallisch fertigen Bild vollendet.

Eine sprunghaft federnde Vision hypnotisch niederzumalen, ist vollkommener als die akademisch linear geordnete Betrachtung des Optisch-Farblichen. Die meisten gelernten Maler zeichnen haargenau die Gegenstände oder geometrischen Figuren, linieren gradlinig mit Maßstab und ziehen Kreise mit Zirkel und Kurven-Schablonen. Dann leisten sie die Sisyphus-Arbeit der chemisch reinen und doch synthetischen Peinture! Nicht die feinste Nuance ist verschwommen, nicht die leiseste Schwingung entgleitet, die Präzision der Peinture steht akademisch rein klar da! Der Wachtraum verwandelt sich in das höchste Geheimnis der Kunst, die dem Pinsel ekstatisch, ja,  dämonisch übertragen wird und vermittels der vibrierenden Farbe eine geheimnisvolle Schönheit hervorzaubert!

Ist das Bild vollgesaugt mit der farblichen Substanz, ist auch der Wachtraum meist wie weggeblasen, und man kann sich der vorhergegangenen Dinge nicht mehr erinnern. Aber alles ist ja nunmehr auf der Leinwand fixiert, und beim Betrachten des nun fertigen Bildes lodern zwar die erschlafften Visionen noch einmal blitzartig zur vollen Glut auf. Oft ist man schier erschrocken, wie durch die gesteigerte Phantasie das Farbsehen intensiviert wird – bis zur manchmal erschreckenden Farbgewalt. Manchmal ist alles getaucht in eine düstere Farbpracht, in der nur eine kleine Flamme wabert und dann erlöscht in einem erregenden letzten Aufzucken!

Sogar ein Musikstück kann zu einem neuartigen Farberlebnis werden. Man hört einen Ton, er hängt in der Luft, glitzert, pulsiert, er hängt da zeitlos, während man selbst langsam um ihn herumzuschweben glaubt. Da schlingt sich ein anderer Ton einwärts und man umkreist beide Töne, die sich harmonisch durchdringen, zu eins werden. Nun sieht man diese Töne förmlich in Gestalt einzelner tanzender Teilchen sich winden, sich kringeln, sie sind sichtbar geworden. Die Musik entfaltete sich in vielfarbigen Mustern. Nunmehr braucht die Hand sich nur auszustrecken nach den Pinseln, zuckend zur Musik wird das flirrende Licht mit inspirativer Geschwindigkeit auf die Leinwand gebannt. Ein schöpferischer Prozess ist beendet. In schlackenloser Reinheit, in irisierender Farblichkeit steht das gemalte Werk im Filigran der Vollendung. Zwölf Milliarden Nervenzellen hat das menschliche Gehirn. Und in einem unendlichen Gewimmel von Milliarden bunter Schmetterlinge prasseln die Feuerwerkskörper der Gedanken, die mit dämonischer Kraft das Leben gierig umklammern, um ihm das Höchste der Kunst zu entpressen!

Der Laie sucht im Kunstwerk nur das mikroskopisch getreue Abbild der Natur, der Kunstverständige indessen sucht den Künstler, der dem Urbild esoterisch gerecht wird und seine Seelenregungen in absichtslosen Kunstwerken offenbart, ihn sogar mit seinem psychischen, dämonischen Automatismus ungedämpft und aufreizend zu schockieren vermag!

Ähnlich wie bei den Mystikern besteht sein Ziel in der Erreichung des Geistigen und in der Turbulenz einer nur emotional durchdringenden Sphäre unter Verzicht auf die präzise Form, wobei geradezu asketisch jeder photographie-ähnliche Realismus vermieden wird.

Der wahre Realismus für den nach innen Gerichteten ist nicht der, der die natürlichen Vorgänge beschreibt und Dinge präzisiert, sondern jener, der mit größtmöglicher Treue solche Visionen wiedergibt, die von der Vorstellungskraft im Augenblick der Inspiration empfangen wurden. Die eigentliche Wirklichkeit ist die innere Wirklichkeit, mag sie noch so abstrakt und metaphysisch erscheinen. Der schöpferische Vermittler zu einem Dritten, Nichtmusischen, aber ist heute allein noch der Künstler, der aus dem unbekannten dunklen Labyrinth herausführt zu dem Akt der ewigen Hochzeit von Licht und Finsternis in der menschlichen Seele!

Die automatische meditative Niederschrift des inneren Diktates ist ihm alles, auch wenn die Traumprotokolle, der Traum-Realismus, noch so verworren und verfilzt ist. Anstelle des gewohnten Einmaleins der akademischen Kunst ist das magische Rechnen der Gehirnmaschinerie, des Halluzinationskomputers, getreten. Die Lösung findet der Betrachter nur in sich selber und zwar in der gleichen visionären metaphysischen Tiefenschicht, aus welcher der Künstler geschöpft hat. Der nach innen gerichtete Künstler will ausschließlich das Nicht-Materielle darstellen. Zwar endet die Phantasie dort, wo die Schöpfung anfängt, die, aus dem Reich zwischen Tag und Nacht geboren, sich aus den gespenstigen Phantasmagorien entwickelt.

L.d.L.