Katalog Albert Merz 1989 Galerie Lietzow

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Die Welt Hauptstadt Berlin/Feuilleton

Unternehmen mit Profil
Die Galerie Lietzow eröffnete in der Knesebeckstrasse
Wenn sich heutzutage eine neue Galerie etabliert, darf man fast mit Sicherheit annehmen, dass sie entweder die ortsansässigen eingeführten Grafiker von Bubenik bis Sorge präsentiert oder gleich ihr Heil bei den Propheten aus der Ferne sucht. Anders die “Galerie Lietzow”. Sie läuft nicht in den ausgetretenen Fußstapfen des Kunsthandels und hinterlässt nicht den Eindruck, dies alles an anderer Stelle schon ganz ähnlich, fast genau so gesehen zu haben.
Gleich die erste Accrochage, die am Wochenende eröffnet wurde, bringt eine recht eigenwillige Zusammenstellung von Künstlerpersönlichkeiten. Es sind dieselben, die Galerieinhaber Godehard Lietzow schon seit einem Jahr als Kunsthändler vertritt: Peter Ackermann, Heinrich Richter, Fritz Köthe und Jochen Senger – dies die Profiliertesten innerhalb der Gruppe – sowie die von ihm besonders geförderten Nachwuchskünstler Volker Emrath und Klaus Vogelgesang. Außerdem gehören der kürzlich verstorbene Berliner Maler stiller Interieurs August Wilhelm Dressler und der von Lietzow “entdeckte” Leo de Laforgue zu diesem Kreis.
Damit ist schon ausgesprochen, dass man die Galerie Lietzow nicht auf ein stilistisch eingeengtes Programm festnageln kann. Das Bemerkenswerteste ist die Vorurteilslose Offenheit gegenüber den Äußerungen der bildenden Kunst. Die Einzige Bedingung scheint offensichtlich Qualität zu sein, die erarbeitet wurde. Gibt es überhaupt eine übereinstimmende Haltung, so vielleicht am ehesten die einer tieferschürfenden Bewusstseinslage; Kunst in Richtung psychologischer Aufhellungen beziehungsweise in Richtung zeitkritischer Analyse.
Das ist zwar nicht Dernier cri innerhalb der gegenwärtigen Entwicklungen, aber es bewahrt vor Klischees, die dem Konsumenten in ihrer permanenten Wiederholung langsam leid werden. Keiner der hier versammelten Künstler hat seinen Ruhm mit einem Handstreich gemacht. Nehmen wir Ackermann oder Köthe – hinter ihrem momentanen Standort steht ein langer, technisch sorgsam erarbeiteter Weg, der sie bis dahin geführt hat, stehen vor allem auch eigene Konzeptionen. Richter, der zur Zeit in New York lebt, ist ohnehin Außenseiter, mit einer hart erkämpften Entwicklung.
Wer auch unter den jüngeren Galeristen hätte so sehr den Mut zum Nonkonformismus und stellte einen hochbetagt verstorbenen und nicht landauf, landab gefragten Maler wieder in seine Räume. Gewiss werden sich Liebhaber für Dresslers stille, farblich sehr aparte Figurenbilder finden, die noch vom Nachklang der Neuen Sachlichkeit erfüllt sind. Vielleicht kommen Interessenten für de Laforgues etwas rauschhafte Farbhalluzinationen oder für die kleinen, skurrilen Plastiken von Emrath.
Emrath gerät von allen Anwesenden am meisten ins Phantastische und schlägt damit einen Ton an, der dem Galerieinhaber sehr vertraut ist. Nicht gerade Surrealist, ist Emrath doch heimisch in surrealen Welten. Im Gegensatz dazu bleibt Vogelgesang mit beiden Füßen auf dem Boden; auf dem Boden allerdings einer heftig-deftig karikierenden Figurendarstellung feister Damen im Korsett.
Es besteht nach all dem Gesehenen und Gesagten kein Zweifel, dass es sich bei der Neugründung der Galerie Lietzow um ein Unternehmen mit eigenem Profil, persönlichem Engagement und einem besonderen Flair handelt, dem man nach diesem Start viel Erfolg wünschen möchte.
Lucie Schauer

Unternehmen mit Profil

Die Galerie Lietzow eröffnete in der Knesebeckstrasse

Wenn sich heutzutage eine neue Galerie etabliert, darf man fast mit Sicherheit annehmen, dass sie entweder die ortsansässigen eingeführten Grafiker von Bubenik bis Sorge präsentiert oder gleich ihr Heil bei den Propheten aus der Ferne sucht. Anders die “Galerie Lietzow”. Sie läuft nicht in den ausgetretenen Fußstapfen des Kunsthandels und hinterlässt nicht den Eindruck, dies alles an anderer Stelle schon ganz ähnlich, fast genau so gesehen zu haben.

Gleich die erste Accrochage, die am Wochenende eröffnet wurde, bringt eine recht eigenwillige Zusammenstellung von Künstlerpersönlichkeiten. Es sind dieselben, die Galerieinhaber Godehard Lietzow schon seit einem Jahr als Kunsthändler vertritt: Peter Ackermann, Heinrich Richter, Fritz Köthe und Jochen Senger – dies die Profiliertesten innerhalb der Gruppe – sowie die von ihm besonders geförderten Nachwuchskünstler Volker Emrath und Klaus Vogelgesang. Außerdem gehören der kürzlich verstorbene Berliner Maler stiller Interieurs August Wilhelm Dressler und der von Lietzow “entdeckte” Leo de Laforgue zu diesem Kreis.

Damit ist schon ausgesprochen, dass man die Galerie Lietzow nicht auf ein stilistisch eingeengtes Programm festnageln kann. Das Bemerkenswerteste ist die Vorurteilslose Offenheit gegenüber den Äußerungen der bildenden Kunst. Die Einzige Bedingung scheint offensichtlich Qualität zu sein, die erarbeitet wurde. Gibt es überhaupt eine übereinstimmende Haltung, so vielleicht am ehesten die einer tieferschürfenden Bewusstseinslage; Kunst in Richtung psychologischer Aufhellungen beziehungsweise in Richtung zeitkritischer Analyse.

Das ist zwar nicht Dernier cri innerhalb der gegenwärtigen Entwicklungen, aber es bewahrt vor Klischees, die dem Konsumenten in ihrer permanenten Wiederholung langsam leid werden. Keiner der hier versammelten Künstler hat seinen Ruhm mit einem Handstreich gemacht. Nehmen wir Ackermann oder Köthe – hinter ihrem momentanen Standort steht ein langer, technisch sorgsam erarbeiteter Weg, der sie bis dahin geführt hat, stehen vor allem auch eigene Konzeptionen. Richter, der zur Zeit in New York lebt, ist ohnehin Außenseiter, mit einer hart erkämpften Entwicklung.

Wer auch unter den jüngeren Galeristen hätte so sehr den Mut zum Nonkonformismus und stellte einen hochbetagt verstorbenen und nicht landauf, landab gefragten Maler wieder in seine Räume. Gewiss werden sich Liebhaber für Dresslers stille, farblich sehr aparte Figurenbilder finden, die noch vom Nachklang der Neuen Sachlichkeit erfüllt sind. Vielleicht kommen Interessenten für de Laforgues etwas rauschhafte Farbhalluzinationen oder für die kleinen, skurrilen Plastiken von Emrath.

Emrath gerät von allen Anwesenden am meisten ins Phantastische und schlägt damit einen Ton an, der dem Galerieinhaber sehr vertraut ist. Nicht gerade Surrealist, ist Emrath doch heimisch in surrealen Welten. Im Gegensatz dazu bleibt Vogelgesang mit beiden Füßen auf dem Boden; auf dem Boden allerdings einer heftig-deftig karikierenden Figurendarstellung feister Damen im Korsett.

Es besteht nach all dem Gesehenen und Gesagten kein Zweifel, dass es sich bei der Neugründung der Galerie Lietzow um ein Unternehmen mit eigenem Profil, persönlichem Engagement und einem besonderen Flair handelt, dem man nach diesem Start viel Erfolg wünschen möchte.

Lucie Schauer