Katalog Luis Caballero 1983 Galerie Lietzow

Text von Luis Caballero  (Im Faksimile in Spanisch)

Das Abenteuer der modernen Kunst hat für mich an dem Tage jegliches Interesse verloren, an dem ich feststellte, dass  mir das Zeichnen eines Körpers mehr Freude und Befriedigung verschaffte als das einfache Spiel mit den Formen. Ich dachte, dass das Leben wichtiger ist als die Kunst, und dass Kunst nur aus dem Leben kommen kann. Seitdem versuche ich mein Leben in meine Malerei einzubringen; das zu leben was ich male, und das zu malen was ich erlebe, und ich glaube, dass – wenn ich dabei aufrichtig bin, ein wenig von dem, was ich empfinde, zwangsweise in meiner Arbeit aufscheinen wird.

Ich bin in einem lateinamerikanischen Land geboren, das von tiefer Religiosität, Gewalt und Fanatismus geprägt ist. Die Religion beherrschte meine Kindheit. Eine Religion aus Bildern, entschieden visuell ausgerichtet. Es sind diese Bilder, die mich die Liebe und das Verlangen gelehrt haben. Sie verfolgen mich noch immerund sind noch immer die Grundlage meiner Malerei. Vor den Bildern, die ich jetzt schaffe, möchte ich dieses gleiche Gefühl von Verlangen und Anbetung empfinden können, das mich als kleines Kind in der Kirche überkam.

Die Kreuzigung, die Pietà, die Kreuzabnahme, der hingestreckte Corpus. Warum mehr? Mit diesen ewigen Themen konnte von jeher all die Leidenschaft, alle Qual und das ganze Drama der Beziehung zwischen zwei Menschen ausgedrückt werden.

Aber wie das Gefühl malen und nicht das Abbild des Gefühls?

Wie zu diesem konzentrierten Bild gelangen, in dem sich Lust und Schmerz vermischen, Schönheit, Schrecken und Verlangen?

Wie ein Bild schaffen, das Wirklichkeit zeigt ohne zu beschreiben?

Ein Bild, das sich mit einem Schlag einprägt und keiner Erklärung bedarf?

Wie das Sakrale erreichen, ohne das Menschliche zu verlieren?

Wie die Erschütterung zu einer Form vereinfachen, und diese Form sei ein Körper, und dieser Körper lebt aus sich, unabhängig von mir?

Luis Caballero