Text zur Ausstellung “Peter Ackermann – Neue Arbeiten” 1991

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Text zur Ausstellung “Peter Ackermann – Neue Arbeiten”

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Katalog Peter Collien 1975 Galerie Lietzow

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Katalog Peter Ackermann 1975 Galerie Lietzow

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Katalog Peter Ackermann 1970 Galerie Lietzow

Neu-alte Landschaften mit eingestreuter Polemik
Que voulez-vous….? – : malen.
Es gibt eine Reihe von Landschaften in Europa, die sich in einem Zustand der produktiven Verwüstung befinden (Verwüstung, gemessen an dem Zustand, in dem sie sich unmittelbar vorher befanden und der deshalb kein besserer gewesen sein muss), in einer Situation, die sie uns nicht mehr vertraut und noch nicht neu erscheinen lässt. Die Gebiete, in denen die Industrie unseres Jahrhunderts diejenige des vorigen teilweise verdrängt (wie im Ruhrgebiet) oder wo sie, wie in den Niederlanden, sich inmitten der Felder und Weiden einer alten Agrarlandschaft niedergelassen hat. – Aber auch Mischungen von Industrie- und Wohngebieten an den Peripherien der Großstädte, wo die Veränderung achtlos alles stehen lässt, wovon sie nicht gestört wird.
Gegenden erzählen, einer Umwälzung mit Bildern folgen. Die Kategorien der Mitteilung sollten nicht alle der Literatur überlassen bleiben. eine Erzählung ist nicht unbedingt eine Wort-Erzählung, ein Gedanke nicht unbedingt ein Sprech- oder Schreib(tisch)-Gedanke, eine Handlung nicht immer eine Romanhandlung.
Man nähert sich solchen Landschaften auf Hochstrassen, von wo aus sie sich überblicken lassen, wie aus dem Flugzeug: man ist aber näher und sieht mehr und genauer. Schon diese Strasse, die in weitem Bogen über alles hinwegführt, hat alles verändert. – Der Stadtbezirk hier, mit seinem inzwischen zu klein gewordenen Postamt, ist keiner mehr; die gelben Bagger legen frei, was immer darunter war: die Erdrinde, die unter den Städten liegt und in Holland wieder auftaucht. – Die weißgrauen neuen Fabriken, die Wohnhäuser am Horizont machen mehr eine Landschaft als eine Stadt.
Es schränkt meine Freiheit jetzt mehr ein, nicht illusionistisch zu malen (weil der Illusionismus überwunden ist) als mich ein paar Regeln zu unterwerfen, die notwendig sein, um Ähnlichkeit herzustellen…
In der Nähe der Schrebergärten hat man eine graubraune Mietskaserne abzureißen vergessen; auffällig an ihr ist eine vorgebaute, offenbar später ins letzte Stockwerk eingefügte Loggia; ein Teil des Daches fehlt an dieser Stelle des Terrassendachs, das sich in so weite Ferne erstreckt über einer unglaublichen Brandmauer, in welche jemand ein winziges quadratisches Fenster gebrochen hat, groß genug, um den Kopf durchzustecken; wahrscheinlich war’s aber nur für ein Ofenrohr, nach 45. – Wie viele und wie dunkle Wohnungen. – Tröstlich und lächerlich zugleich dagegen die Schrebergärten; in jedem eine Laube, ein Weg, ein Vorgarten mit Rasen und Blumen, Obstbäume, Sträucher, ein Schuppen, eine Tonne fürs Regenwasser.
Das Vergnügen ist eine vergessene, vielleicht auch diskriminierte (auch durch Ereignisse diskriminierte) Kategorie – : auch das Vergnügen an Bildern. – Was vermögen Bilder aber, wenn sie Vergnügen zu bereiten nicht vermögen? – Vielleicht eine neue Epoche repräsentieren, ein neues Zeitalter der Kunstgeschichte, und das läuft dann auf das Vergnügen der Historiker hinaus: die haben es aber immer und deshalb nicht nötig. – Oder das Bewusstsein des Betrachters zu verändern: diese (geringe) Hoffnung lächerlich zu machen, sehe ich keine Anlass. Man muß sie aber bei den Augen nehmen; sie sind es, die am Bild hängen bleiben oder nicht, und es ist die Aufgabe des Malers, sie am Bild hängen bleiben zu machen. – O, wie langweilt reines Kunstbewusstsein!” – Eine neue Seite umblättern: nichts leichter als das, oder die letzte Seite: das letzte Tafelbilds, der letzte Roman, das letzte Gedicht…: ein merkwürdiger Ehrgeiz, wenigstens der Punkt hinter dem letzten Wort des letzten Satzes sein zu wollen.
Der Hof einer kleinen Basilika-Fabrik aus dem vorigen Jahrhundert, in dem sich Werkzeuge und halbmechanische Hilfsmittel erhalten haben, die unverständlich geworden sind: Eisenschienen mit Laufkatzen, Winden und Hebearme, Reste von Maschinen, Aufzüge, Werkstücke, Material unter vorkragenden Dächern, kleine Büro-Holzkästen an den Wänden hängend. Gelbe, rote Mauern; Wände von unten bis oben verkleidet mit weißen Kacheln und grünen. Fest verschraubt, ineinander gerostet, unübersichtlich und von Zufällen verwaltet steht dieses Konglomerat fragmentarisch in weiten Flächen, in die sich die Spuren der Baufahrzeuge eingegraben haben.
Wäre Farbe auf einer begrenzten Fläche nicht ein Prinzip, welches jetzt älter als tausend Jahre ist, so wäre wenig mehr dagegen einzuwenden: – schreibe ich in der Hoffnung, dass auch dieser Umstand kein Einwand ist. – Aber es muß doch eine Entwicklung sein? Wozu noch einmal die unvermeidlichen Prozesse jener 1000 Jahre wiederholen: noch einmal den Raum entfalten, die Nachahmung überwinden, die Farben reinigen, die Formen geometrisieren, die Fläche ordnen, die Gegenstände verlassen, die Farbe verlassen, alles Material verlassen, ein paar Sätze auf einen Zettel kritzeln…? Eindringen von Weite, Ausdehnung und Beton-Geometrie; die Begeisterung in einem großen Raum. in dem Bewegung und Veränderung herrschen, soll uns aber nicht täuschen: neue Techniken können auch in rückständigen Gesellschaften angewandt werden und wir leben noch immer in einer rückständigen Gesellschaft. – Ich will mich nicht verantwortlicher machen als ich bin; es wäre aber immer eine berechtigte, wenn auch schwer erfüllbare Forderung an Bilder, für viele verständlich zu sein. (Nicht für alle). – Ich rede nur von Voraussetzungen für jene, die malen wollen. Fernand Léger schrieb: “Die Spezialisierung ist das Moderne”. Der Satz war in vielerlei Hinsicht richtig; jetzt ist er aber falsch geworden.
Im Winter wird alles noch übersichtlicher sein; die Strassen, auf denen der Schnee getaut ist, trennen dann dunkel die weißen Grundstücke. (Grundstücke natürlich, nicht irgendwelche Flächen). – Selbst dann, in dieser Klarheit, wäre es sinnlos, von Schönheit zu sprechen, so sehr wir diesen Begriff auch unseren Bedingungen angepasst haben. – Seh-Erlebnisse beruhen auf Übereinstimmungen, die jenes Minimum an Enthusiasmus hervorrufen können, ohne das ich kein Bild malen möchte.
P.A.

Neu-alte Landschaften mit eingestreuter Polemik

Que voulez-vous….? – : malen.

Es gibt eine Reihe von Landschaften in Europa, die sich in einem Zustand der produktiven Verwüstung befinden (Verwüstung, gemessen an dem Zustand, in dem sie sich unmittelbar vorher befanden und der deshalb kein besserer gewesen sein muss), in einer Situation, die sie uns nicht mehr vertraut und noch nicht neu erscheinen lässt. Die Gebiete, in denen die Industrie unseres Jahrhunderts diejenige des vorigen teilweise verdrängt (wie im Ruhrgebiet) oder wo sie, wie in den Niederlanden, sich inmitten der Felder und Weiden einer alten Agrarlandschaft niedergelassen hat. – Aber auch Mischungen von Industrie- und Wohngebieten an den Peripherien der Großstädte, wo die Veränderung achtlos alles stehen lässt, wovon sie nicht gestört wird.

Gegenden erzählen, einer Umwälzung mit Bildern folgen. Die Kategorien der Mitteilung sollten nicht alle der Literatur überlassen bleiben. eine Erzählung ist nicht unbedingt eine Wort-Erzählung, ein Gedanke nicht unbedingt ein Sprech- oder Schreib(tisch)-Gedanke, eine Handlung nicht immer eine Romanhandlung.

Man nähert sich solchen Landschaften auf Hochstrassen, von wo aus sie sich überblicken lassen, wie aus dem Flugzeug: man ist aber näher und sieht mehr und genauer. Schon diese Strasse, die in weitem Bogen über alles hinwegführt, hat alles verändert. – Der Stadtbezirk hier, mit seinem inzwischen zu klein gewordenen Postamt, ist keiner mehr; die gelben Bagger legen frei, was immer darunter war: die Erdrinde, die unter den Städten liegt und in Holland wieder auftaucht. – Die weißgrauen neuen Fabriken, die Wohnhäuser am Horizont machen mehr eine Landschaft als eine Stadt.

Es schränkt meine Freiheit jetzt mehr ein, nicht illusionistisch zu malen (weil der Illusionismus überwunden ist) als mich ein paar Regeln zu unterwerfen, die notwendig sein, um Ähnlichkeit herzustellen…

In der Nähe der Schrebergärten hat man eine graubraune Mietskaserne abzureißen vergessen; auffällig an ihr ist eine vorgebaute, offenbar später ins letzte Stockwerk eingefügte Loggia; ein Teil des Daches fehlt an dieser Stelle des Terrassendachs, das sich in so weite Ferne erstreckt über einer unglaublichen Brandmauer, in welche jemand ein winziges quadratisches Fenster gebrochen hat, groß genug, um den Kopf durchzustecken; wahrscheinlich war’s aber nur für ein Ofenrohr, nach 45. – Wie viele und wie dunkle Wohnungen. – Tröstlich und lächerlich zugleich dagegen die Schrebergärten; in jedem eine Laube, ein Weg, ein Vorgarten mit Rasen und Blumen, Obstbäume, Sträucher, ein Schuppen, eine Tonne fürs Regenwasser.

Das Vergnügen ist eine vergessene, vielleicht auch diskriminierte (auch durch Ereignisse diskriminierte) Kategorie – : auch das Vergnügen an Bildern. – Was vermögen Bilder aber, wenn sie Vergnügen zu bereiten nicht vermögen? – Vielleicht eine neue Epoche repräsentieren, ein neues Zeitalter der Kunstgeschichte, und das läuft dann auf das Vergnügen der Historiker hinaus: die haben es aber immer und deshalb nicht nötig. – Oder das Bewusstsein des Betrachters zu verändern: diese (geringe) Hoffnung lächerlich zu machen, sehe ich keine Anlass. Man muß sie aber bei den Augen nehmen; sie sind es, die am Bild hängen bleiben oder nicht, und es ist die Aufgabe des Malers, sie am Bild hängen bleiben zu machen. – O, wie langweilt reines Kunstbewusstsein!” – Eine neue Seite umblättern: nichts leichter als das, oder die letzte Seite: das letzte Tafelbilds, der letzte Roman, das letzte Gedicht…: ein merkwürdiger Ehrgeiz, wenigstens der Punkt hinter dem letzten Wort des letzten Satzes sein zu wollen.

Der Hof einer kleinen Basilika-Fabrik aus dem vorigen Jahrhundert, in dem sich Werkzeuge und halbmechanische Hilfsmittel erhalten haben, die unverständlich geworden sind: Eisenschienen mit Laufkatzen, Winden und Hebearme, Reste von Maschinen, Aufzüge, Werkstücke, Material unter vorkragenden Dächern, kleine Büro-Holzkästen an den Wänden hängend. Gelbe, rote Mauern; Wände von unten bis oben verkleidet mit weißen Kacheln und grünen. Fest verschraubt, ineinander gerostet, unübersichtlich und von Zufällen verwaltet steht dieses Konglomerat fragmentarisch in weiten Flächen, in die sich die Spuren der Baufahrzeuge eingegraben haben.

Wäre Farbe auf einer begrenzten Fläche nicht ein Prinzip, welches jetzt älter als tausend Jahre ist, so wäre wenig mehr dagegen einzuwenden: – schreibe ich in der Hoffnung, dass auch dieser Umstand kein Einwand ist. – Aber es muß doch eine Entwicklung sein? Wozu noch einmal die unvermeidlichen Prozesse jener 1000 Jahre wiederholen: noch einmal den Raum entfalten, die Nachahmung überwinden, die Farben reinigen, die Formen geometrisieren, die Fläche ordnen, die Gegenstände verlassen, die Farbe verlassen, alles Material verlassen, ein paar Sätze auf einen Zettel kritzeln…? Eindringen von Weite, Ausdehnung und Beton-Geometrie; die Begeisterung in einem großen Raum. in dem Bewegung und Veränderung herrschen, soll uns aber nicht täuschen: neue Techniken können auch in rückständigen Gesellschaften angewandt werden und wir leben noch immer in einer rückständigen Gesellschaft. – Ich will mich nicht verantwortlicher machen als ich bin; es wäre aber immer eine berechtigte, wenn auch schwer erfüllbare Forderung an Bilder, für viele verständlich zu sein. (Nicht für alle). – Ich rede nur von Voraussetzungen für jene, die malen wollen. Fernand Léger schrieb: “Die Spezialisierung ist das Moderne”. Der Satz war in vielerlei Hinsicht richtig; jetzt ist er aber falsch geworden.

Im Winter wird alles noch übersichtlicher sein; die Strassen, auf denen der Schnee getaut ist, trennen dann dunkel die weißen Grundstücke. (Grundstücke natürlich, nicht irgendwelche Flächen). – Selbst dann, in dieser Klarheit, wäre es sinnlos, von Schönheit zu sprechen, so sehr wir diesen Begriff auch unseren Bedingungen angepasst haben. – Seh-Erlebnisse beruhen auf Übereinstimmungen, die jenes Minimum an Enthusiasmus hervorrufen können, ohne das ich kein Bild malen möchte.

P.A.