Katalog Axel Sander 1987 Galerie Lietzow

Text von Godehard Lietzow

Vorwort

Die erste Begegnung mit Axel Sander liegt Jahre zurück. Damals befand sich der Künstler noch in der Studienausbildung, war Schüler von Wolfgang Petrick und zielte das künstlerische Lehramt an.

In einer Ausstellung, welche die Galerie Lietzow 1980 veranstaltete, bot Sander Bilder, in denen sich zum ersten Mal jenes Prinzip anzeigt, das Sanders Kunst seither bestimmt: das Prinzip der Malerei: Malerei im Verständnis von objektiver Malfläche, subjektiv-lebendigem Malduktus und einer Bildgliederung, die flächenbezogen und in Komprimierung von Farbmaterie und Malduktus eine übersubjektive Bildordnung anzielt und verdeutlicht. Seither ist Sander den Weg seines Malverständnisses konsequent weitergegangen. Das künstlerische Lehramt war nur für kurze Zeit Lebensrealität. Erwachsen ist eine konstruktive Malerei von sehr eigenwilliger, persönlicher Prägnanz.

Sanders Konstruktivismus erwächst direkt aus dem lebendigen Malprozess, erfährt durch ihn Veränderung und schließlich die Gültigkeit des bildlichen Endzustands. Seine Malerei entfaltet sich in visuellvibrierender Sinnlichkeit, und behauptet sich in dieser Qualität sehr entschieden gegenüber den sinnlich kargen Konzept-Abfolgen eines bloßen Lineal-Konstruktivismus.

Wer Sander kennt, weiß um die musisch-sinnliche Dimension dieses Malers, weiß um seine kreativ-musikalische Begabung und auch um seine subtil differenzierende Kenner- und Könnerschaft in den wohl vergänglichsten Künsten: der Kunst des Kochens und der Kunst des Essens und Trinkens.

In der Malerei, seiner ‘peinture’, teilt sich Sanders Sinnlichkeit direkt mit. An der Wahrheit dieser Bilder ginge allerdings der bloße Kulinariker vollends vorbei, wollte er nicht auch eintauchen in die komprimierte Dichte der bildinneren Ordnungen und Ordnungsbeziehungen, die letztlich geistige Ordnungen und Beziehungen sind. Eine Interpretation, eine klärende Deutung dieser Bildgehalte sei anderen vorbehalten.

Sanders Aktiv-Beziehung zur Musik ist vielleicht ein Schlüssel zum ‘quasi-musikalischen’ Eigencharakter von Sanders Malerei. Die Ordnungen seiner Bildgefüge, seiner Kompositionen, und die sie realisierende sinnlich-vibrierende Malerei lassen an die Ordnungen musikalischer Kompositionen und die realisierenden und so differenziert in sich schwingenden Instrumental- und Vokalklänge denken. Auch Rhythmen, Kontrapunktik und spielerische Form-Paraphrasierung: hier wie dort.

Mit dem derzeit als neu herbeigeredeten und vielleicht schon bald bevorzugten künstlerischen Unterhaltungstrend (: ‘der Konstruktivismus’ ist im Kommen!) hat Sanders Malerei nicht zu tun. Seine Kunst ist von komplexerer Natur, als dass sie von einer geometrisch-graphischen Design- und Dekor-Mode vereinnahmt werden könnte.

Suchte man Beziehungslinien zur Tradition, müssten Künstler wie Paul Klee und Serge Poliakoff als Hinweis auf jene geistig-künstlerische und malerische Dimension angeführt werden, in der sich Sanders Malerei ereignet: Eine Malerei, die antipodisch auch zu jener gestisch-expressiven Kunst steht, die, als ‘wild’, als ‘heftig’ tituliert, die Berliner Kunstszene annähernd zehn Jahre lang zu dominieren und repräsentieren schien. Sanders Malerei ist in ihrer spezifischen Komplexität solitär und markiert eine selbstentschiedene Eigenqualität des geistigen, des künstlerischen, des ästhetischen Standpunkts. Eine Eigenqualität von hohen Graden, zu deren Verständnis die hier vorliegende Ausstellungs- und Werk-Dokumentation anregend dienen mag.

Godehard Lietzow

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