Katalog Heinrich Richter 1971 Galerie Lietzow

Text von Werner Haftmann
Seit die Nationalgalerie 1969 Zeichnungen und Aquarelle von Heinrich Richter vorstellte, ist die Arbeit dieses in Polen geborenen ehemaligen Wahlberliners in unserer Stadt nicht mehr in einer Einzelausstellung gezeigt worden. Damals erhielt Richter den Kunstpreis der Stadt Berlin, – und machte sich davon in die Abenteuer der Welt. Selten hat ein Maler seinen Kunstpreis so gut angelegt.
Inzwischen ist mit ihm viel geschehen. aus dem Wahl-Berliner wurde ein weltläufiger Maler. Er lebte eine ganze Weile im Gartenhaus von Teto Ahrenberg in Chexbres, bei Lausanne über dem Genfer See, und die schon südliche Leichtigkeit des Lebens und die Anmut der Landschaft machten seine Bilder und Zeichnungen freier und menschlicher. Aus den frühen, von allerlei erotischen Zwängen beunruhigten Bildvorstellungen kam eine leise Ahnung vom Idealischen und Klassischen hervor, ein schüchterner Traum von Schönheit.
Richter war in seinen Berliner Jahren vorwiegend Zeichner, einer von der “kläubelnden” art, wie Dürer sagen würde. Die Farbe blieb wie bei so vielen deutschen Malern vorwiegend Mittel zur Kolorierung. Im Licht der Landschaft um den Genfer See aber klärte sich der Umgang mit der Farbe als Träger einer selbstständigen Harmonie. Das war ein großer Schritt voran.
Anschließend ging Richter nach Amerika, lebte lange in New York und schließlich auf einer Farm im Süden. Dann zog er nach Paris, wo er das ganze letzte Jahr verbrachte. Jetzt drängt es ihn wieder heraus aus den großen Städten, aufs Land, irgendwohin in die Ile de France, um eine Weile Ruhe zu haben, zum Malen, zum Nachdenken, zum Träumen und Planen. Sehr würde ich mich irren, wenn in der Richtung dieses Träumens und Planens nicht Italien auftauchen sollte, – das klassische Land.
Die Ausstellung zeigt vorwiegend die Frucht seiner Arbeit im Pariser Atelier im 14. Arrondissement, rue Cels 7. Richter ist stets und nahezu ausschließlich ein Figurenmaler gewesen. Er ist es geblieben, – einer der wenigen, die dieses alte und ewige Thema der Kunst weiterführen. Als er nach Paris kam, hatte er ein bestimmtes Motiv im Kopf: – Frauen und Gärten. Gelegentlich war es schon in früheren Aquarellen angeklungen. Kein anderes Thema schien geeigneter, als gerade in Paris in Angriff genommen zu werden: – Frauen, das versteht sich von selbst, aber auch die Gärten, die herrlichen Parks von Sceaux, Versailles, Monceau….
Das schien alles höchst verheißungsvoll – und dann wurde doch etwas anderes daraus!
Als ich Richter bald nach seinem Eintreffen in Paris besuchte, stand tatsächlich eine große Anzahl von Leinwänden im Atelier herum, in allen möglichen Stadien der Ausarbeitung. Sie zeigten Laubengänge mit nackten Frauen, pflanzliche Gebilde mit erotischen Ausblühungen, die sich um Frauenkörper rankten, Szenerien vorgestellter “fetes galantes”, in denen freilich die nahgesehenen massigen Frauenleiber die Szene füllten. Die Farbe im leichten Klang von Grün und Rosa lag noch dünn und durchsichtig über der Zeichnung, fügte sich aber bereits zu einem mehr selbstständigen und nicht mehr von der Illustration der Form abhängigen Klang. Das Bild begann sich aus der Farbe und ihren Bewegungen zu formen. Farbe und ihr Licht standen im selbstständigen Dialog mit dem barocken Schwung der Zeichnung. Inhaltlich schienen die drei Grazien, die tatsächlich da und dort als Zitat leibhaftig und leichtfüßig auftauchten, den Reigen der Frauen in den Gärten anzuführen.
Aber dann – und das zeigen die neuen Bilder – zerbrach die festlich geplante Inszenierung doch. Zeit und Stimmung schienen nicht für Frauen und Gärten zu taugen. Im Fortgang seiner Arbeit nahmen die Bilder einen ganz anderen, gefährlicheren Charakter an.
Beunruhigende Visionen drängten sich ein und deckten das Festliche zu. Als sei ein zerstörerischer Wind in den schön geplanten Dekor eingebrochen, so treiben die Stückungsformen der Leiber über die Fläche, wirbelnde Farbschwaden buchten und höhlen den Bildraum und geben wie treibende Nebelschwaden den Blick frei auf Leiber und Gesichter, die aus den barocken Turbulenzen herauftauchen. Oft legen sich Licht – und Schattenbahnen über die Leiber, wie Fesseln, die sich um die Glieder pressen. Eine beunruhigte, oft quälende Erotik durchdringt den Tumult der Formen und Leiber.
Rührend und wie verloren scheint da und dort ein stilles Gesicht zu uns herüber, ein zärtlich geformter Leib taucht auf, ein Gebilde von jener sonderbaren und rätselhaften Schönheit, die sich Leonardo erträumte.
Dieser Maler kommt von seiner Erlebnisweise der Wirklichkeit nicht los. Sie hat ihn während des Malens wieder eingeholt. Der Traum von Schönheit zerbrach an den beunruhigenden Vorstellungen, die sich aus der Erfahrung an der Wirklichkeit ergaben und aus der kritischen Frage nach den dunkleren Hintergründen der menschlichen Existenz, die auch Bacon und Bellmer stellen. Die Bilder sind also sehr zeitgenössisch, – unmodern, will sagen andersartig und unerwartet, in der Machart, wie es scheint, aber angefüllt mit den Sehnsüchten und Verwünschungen, die den zeitgenössischen Traum vom Leben kennzeichnen. Das Drama, das in ihnen erlebt und beschrieben wird, ist unser Drama, um das die Sorge kreist, dass Schönheit und Wirklichkeit nicht mehr zusammenkommen wollen, es wohl auch nicht mehr können, – die schlimme Neurose des bildenden Menschen heute. Die Bilder haben also hohe menschliche Bedeutung. Das aber ist mehr als jene oft berufene politische oder ‘gesellschaftliche Relevanz’, die man den Politikern überlassen möge. Die werden auch ohne die Mithilfe und das Komplizentum der Künstler das Schlimmste daraus machen.
Werner Haftmann

Text von Heinrich Richter

WAS IST EIN BILD?

Lieber Godehard, Du fragst mich – was ist ein Bild:

Würde ich unsere Zeit hervorheben, müsste ich sagen: es ist Material. An zweiter Stelle erst steht ein Mensch, der dieses Material zu einem Bild macht.

Jede Zeit hat IHR Bild. Ich glaube nicht, dass DAS Bild unserer Zeit bereits so abgeschlossen ist, dass wir es heute bedingungslos anerkennen müssten. Ich weiß, dass keiner, der sich an einer Bildgestaltung unserer Zeit beteiligte, bis zum heutige Tag ein Bild geschaffen hat, das endgültig seine Existenz beweist. Die Bildthemen, die seit einem Jahrhundert für die Aktualität dieser Existenz werben, sind lediglich Möglichkeiten – “Ausschnitte” aus unserem Leben – Möglichkeiten, unsere Umwelt zu erkennen, ein wenig den Begriff von Zeit zu erfahren. Das Heute – die Überbetonung des Politischen, der Ideologie im Bild – ist auch nur ein Ausschnitt.

Der Künstler als “subjektiver Historiker” wünscht sich zu Lebzeiten ein eigenes Museum – wünscht sich damit, dass ihn die Gesellschaft bestätigt, wie er es tut. Ich glaube, dass ein Bild, trotz Abstraktionen, nach wie vor zwei Grundvoraussetzungen hat: die Szene und den Menschen: die Szene, auf der der Mensch auftritt.

Die moderne Malerei (eine Bezeichnung für letzte Ergebnisse innerhalb der Malerei) kann ebenso ein Schwindel sein wie die Malerei der vergangenen Jahrhunderte. In beiden Fällen ist es möglich, dass sowohl die Gesellschaft der jeweiligen Zeit verlogen war, wie auch der Künstler. Ich glaube nicht, dass es da eine Fortschritt gibt: die Gesellschaft, wie auch der Künstler bewegen sich nur auf der Spitze der Vergangenheit. Kein Maler darf von sich mit Recht sagen, dass das, was er tut, von Bedeutung ist. Tritt er als Prophet auf, ist er ein Ideologe. Beides reicht nicht aus, um ein Bild zu machen. Schließt er sich der Gesellschaft an, gleicht er einem Geisteskranken, der freiwillig um die Einweisung in eine Heilanstalt ersucht.

Die Frage “Was ist ein Bild” beantworte ich so:

Ein Bild ist ein unabhängiges, ohne Absicht, mit vielen Zweifeln, ohne Hoffnung auf ein Ergebnis gemaltes Geviert. Wer unter solchen Bedingungen einige Jahre an einem “Bild” arbeitet, wird erfahren, ob ihm die Rolle zufällt, dieses Bild zu “gestalten”. Die Gesellschaft wird diese Tat im negativen oder positiven Sinne an sich selbst nachvollziehen.

Seit fünfundzwanzig Jahren male ich mit mehr oder weniger Freude. Als ich damit anfing, habe ich nicht daran gedacht, dass dies später zu einer Frage meiner Existenz wird. Heute bin ich darüber erstaunt, wie leichtsinnig ich damals war. Eine Menge Bilder – oder wie soll ich sie nennen? – wurden in dieser Zeit von vielen Künstlern gemacht. Das ist sehr beruhigend, denn ich stehe mit meinem Talent so nicht ganz allein da.

Etwas später ist mir dann aufgefallen, dass das Bild von “morgen” bereits schon heute der Vergangenheit angehört, und, was noch schlimmer ist, dass es möglicherweise als ein Irrtum aufbewahrt wird.

So macht man sich Gedanken aus Zeitvertreib.

Wenn ich zu meinen Bildern etwas sage, so möchte ich damit nicht die vielen Fehler kaschieren, die ich gemacht habe und mache, sondern der Arbeit eine Position geben – meine Position. Ich füge noch hinzu: welche Position (wenn überhaupt) mir ein anderer Mensch oder gar die Gesellschaft gibt, ist für mich unwichtig.

Das Tafelbild ist für mich der Rahmen , in dem ich mich bewege. Ich übe mich darin. Es ist eine Frage der Disziplin, zu erkennen, welchen Radius um sich selbst man wahrnehmen kann, füllen kann. Der “Raum”, in dem ich mich bewege, muss meine “Maße” haben. Diesen Raum zu dehnen: ein bequemer Weg. Meine Arbeit befindet sich so sehr in meiner Nähe, dass sie mir gelegentlich unerträglich wird. Ich kann sie dadurch aber übersehen.

Meine Beziehungen zur Zeit und zur Umwelt bestimmt das gleiche Maß. Die Gesellschaft übt keinen Einfluss auf mich aus, auch möchte ich mit meiner Arbeit die Gesellschaft nicht beeinflussen.

Meine Arbeit an den einzelnen Tafeln dient lediglich der Übung auf das Werk hin. Dieses Werk ist eine Vorstufe auf das Bild hin – die Szene, das Thema, den Inhalt. Das alles bedarf einer Klärung, bedarf der Zeit. Das “Ergebnis” ist noch nicht da. Deshalb ist diese Arbeit nicht aktuell, will es auch gar nicht sein. Wenn ich vom Werk spreche, so meine ich nicht das “Hauptwerk”. Das im Sinne eines Einzelbildes gemalte Bild ist lediglich an die Zeit gebunden, in der es entstanden ist. Das Werk nicht. An ihm – in welcher Zeit es auch entstanden sein mag – können wir uns selbst erkennen, es macht uns existent. Nicht umgekehrt.

H.R.

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