Katalog Klaus Vogelgesang 1970 Galerie Lietzow

Klaus Vogelgesang ist vom Surrealismus zu einem kritischen Realismus vorgestoßen, wie er in Berlin eine lange Tradition hat. Ein neuer George Grosz nimmt Anlauf. Das heißt: er richtet das Visier seines Zeichenstifts auf aktuelle Ziele. In manchem knüpft er, der eine halbe Generation jünger ist als die kritischen Realisten der ehemaligen Großgörschengruppe, schon an das an, was Diehl, Petrick, Sorge in die junge Berliner Malerei getragen haben.

Dabei hat Vogelgesang nichts von der Phantastik seiner figuralen Umsetzungen eingebüßt. Auch die hohe zeichnerische Qualität und die Sorgfalt in der Ausführung ist die gleiche geblieben. Er lenkt nur alles in eine andere Richtung. Zum mehr oder weniger unverbindlichen Spiel mit der Phantasie tritt die harte, klare, bissige und auf eindeutige Art verbindliche Auseinandersetzung mit dem Tatsächlichen, Gegenwärtigen.

Der Phantast ist zum Gesellschaftskritiker geworden – doch Phantast geblieben. Im Formalen zeigt sich das vorwiegend in den Anklängen an Vorläufer, wie sie Vogelgesang in seinen Zeichnungen und Aquarellen immer verwendet hat. Tauchten früher Motive Rogier van der Weydens oder der Manieristen auf, so wird man jetzt unschwer Motive und Beinahe-Zitate aus Lindner, allen Jones, sorge feststellen können.

Sie haben nichts Epigonales an sich, im Gegenteil – ein wenig, hat man das Gefühl, parodiert Vogelgesang sogar die Vor-Bilder, wie er überhaupt zur Parodie neigt: man muß nur einmal verfolgen, wie er zum Beispiel den Stern benutzt, einmal als Himmelserscheinung, dann als Sheriff-Symbol der Brutalität oder als Tätowierung am Menschen – es ist immer der gleiche Stern, das gleiche Zeichen, aber er wandelt sein Gesicht von Ebene zu Ebene. Ähnlich verfährt Vogelgesang mit allen Symbolen oder Nahezu-Symbolen, den Schuhen etwa, die er anscheinend besonders liebt (oder hasst, was bei  ihm aufs Gleiche hinausläuft). Er travestiert die Dinge. Er enthüllt sie in ihrer Lächerlichkeit und Gefährlichkeit.

Sein Thema: die in der Gesellschaft aufgestaute Aggression. Sie entlädt sich direkt in den Boxern, den Typen mit den Glotzaugen. Sie bleibt aber selbst bei harmlosen Tätigkeiten wie den Umgang mit dem Rasierpinsel spürbar, sie wetterleuchtet in fast allen Details der detailreichen Hintergründe.

George Grosz plante ein Buch mit dem Titel “Von der Hässlichkeit der Deutschen”. eine Zeichnung wie Vogelgesangs “Urlaub in Spanien” hätte in dieses Buch hineingepasst. Auch und gerade in der kritisch-realistischen Hässlichkeit seiner Akte (oder vielmehr: seiner nackten Menschen) liegt Parodie, Travestie und – das ist neu bei Vogelgesang – Angriffslust.

Sein Reservoir ist groß. Er findet es im Rückgriff auf die neue Sachlichkeit, im Einbezug des Phantastischen alles Schulen, im Realismus und sogar in der Pop-art. Dabei tanzt Vogelgesang keineswegs auf vielen Hochzeiten. Er zwingt die diversen Stile, Anklänge, Zitate in seine eigene Handschrift. Traditionelles wirkt auf diese Weise brandneu, die Grenze zwischen Kritik und Phantastik, zwischen Travestie und Parodie, zwischen Realistik und Symbol werden irrelevant, ohne sich zu verwischen. Surrealistisches wird intellektuell gehandhabt. Vogelgesang umreißt seine Zeit mit den Mitteln sowohl des anscheinend Zeitlosen als auch in zeitbedingter Bildsprache. Ein Katalysator.

Ein Brückenschläger. Ein kritischer Phantast.

H.O.

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