Katalog Luis Caballero 1983 Galerie Lietzow

Text von Jens-Uwe Brinkmann

Über Luis Caballero

Körper sind das Thema der künstlerischen Arbeit von Luis Caballero, muskulöse Körper junger Männer. Doch werden sie vom Künstler nicht lediglich als “schöne Sujet” gesehen, in Annäherung an klassische Vorstellungen von ausgewogenen Proportionen und schöner Haltung: Kaum ist je ein Körper nicht von den Rändern der in der Regel großformatigen Bilder überschnitten, und niemals ist eine ruhige Zuständlichkeit geschildert. Äußerste Anstrengung oder äußerste Erschlaffung der Männerkörper, in früheren Bildern häufig auch offenkundige Verletzungen verhindern, dass der Betrachter von Caballeros Arbeiten bei der bloßen Bewunderung verharrt.

Oft ist dem erschlafften Körper eine zweite Person beigesellt, ebenso muskulös und schön, die ihn umfängt und hält. Dieser Zweite tritt gegenüber dem anderen zurück; manchmal werden nur seine Hände und Arme sichtbar oder der Kopf, der sich tief auf den Umfangenen herabsenkt. Die Hände des Stützenden greifen fest zu, oft krallen sich seine Finger tief in das Fleisch des anderen.

In anderen Arbeiten sind zwei übereinander hingesunken oder liegen reglos nebeneinander. Die Tücher, auf denen sie ruhen, sind niemals “ordentlich”, glatt, sondern zeigen stets die Spuren heftigster Bewegung, vielleicht von Kämpfen. Tücher, zu Streifen gedreht, dienen manchmal als Fesseln für Arme und Beine der Dargestellten oder sind mit letzter Anstrengung über den Körper gezogen, wo einer in tiefster Erschöpfung liegt.

Der Hintergrund bleibt meist undefinierbar, ja stimmlos in seiner gewöhnlich sehr zurückgenommenen Farbigkeit, ein reiner Helligkeitswert, der allenfalls Atmosphärisches der Darstellung im Vordergrund hinzufügt.

Im Gegensatz dazu sind die Körper in stärkster Plastizität mit akribischen Schattierungen geschildert und verschärfen dadurch den Eindruck von Kontrast für den Betrachter.

Parallel zu den großen Malereien existiert eine große Anzahl Zeichnungen, oft Studien nach der Natur, praktisch Notizen nach der zufällig angenommenen oder anbefohlenen Haltung des Modells. Es sind rasche, fast flüchtig anmutende Arbeiten, häufig Rötelzeichnungen; diese Technik erlaubt, in weichen Schatten die Plastizität der geschilderten Körper zu modellieren. Daneben gibt es auch stärker durchkomponierte Zeichnungen, vorzugsweise in Feder. Hier arbeitet Caballero mit sensibel angewendeten Schraffuren, die den speziell graphischen Charakter dieser Bilder betonen. Allen Zeichnungen ist – wie der Malerei des Künstlers – gemeinsam, dass stets nur Teile von Körpern dargestellt sind. Das Torsohafte dominiert. Beachtenswert ist auch, dass die Gesichter so gut wie keine Rolle für den Ausdruck spielen – alles ist auf den Körper und seine Ausdrucksfähigkeit reduziert.

Allein, was heißt “reduziert”? Luis Caballero teilt in seinen Bildern von Körpern junger, schöner Männer so vieles, so differenziertes mit wie nur wenige Künstler mit vergleichbarer Thematik in der Tradition der Antike und ihrer Wiederentdeckung in der italienischen Hochrenaissance und im europäischen Klassizismus um 1800. Stets sind die Bilder in ihrer aussage zwei- oder mehrfach zu deuten: Der zum äußersten gespannte Körper mag sich gegen seine Fesseln wehren; ebenso ist es möglich, ihn in der Anspannung äußerster Lust zu sehen. Die jungen Männer auf den zerwühlten Laken mögen nach übermenschlicher Anstrengung zu Tode erschöpft beieinander hingesunken, mögen im Kampf von ihren Gegnern bis zur Bewusstlosigkeit mit beispielloser Brutalität geschlagen worden sein; vielleicht folgt ihre Erschlaffung und Entspanntheit aber auch der gemeinsamen Lust.

Selbst die deutlichen Verletzungen werden in diesem Zusammenhang ambivalent. Und wenn ein Jüngling von einem hinter ihm Stehenden gestützt wird, wenn sich jemand über einen Hingestreckten tief hinabbeugt, ihm den Kopf auf die Brust sinken lässt, dann ist das die uralte Chiffre der Klage, die in zahllosen Darstellungen der Pietà immer wieder neu formuliert worden ist. Wie aber bei der Pietà zugleich die unmittelbarste Nähe der klagenden Mutter zu ihrem toten Sohn zum Ausdruck kommt, so nutzt auch Caballero diese Doppeldeutigkeit der Chiffre: Seine Männer umfangen einander und mögen Klagender und Opfer sein; zugleich aber kann die tiefste, zärtlichste Verbundenheit in der gemeinsamen Ruhe zweier Liebender gemeint sein.

Das Moment der Homoerotik setzt der Künstler jedenfalls bewusst ein, um dadurch zur bedeutungsmäßigen Ambivalenz seiner Bilder zu gelangen. Die Nähe von Tod und Eros, die zuweilen äußerst niedrige Schwelle zwischen Zärtlichkeit und Brutalität, zwischen Ekstase und bodenloser Trauer, Aggression und Liebe, alles das schildert der Maler und spricht damit vieles unmissverständlich aus, was gewöhnlich lieber in den Grauzonen des “Nicht-daran-Rührens” verborgen gehalten wird.

Seine Herkunft aus Kolumbien und das Eingebundensein in die katholische Kirche seiner Heimat als Kind und Heranwachsender sind zum anderen wesentliche Elemente. die Caballero haben zu seinen Formen und Inhalten finden lassen. Da sind zum einen die Themen der christlichen Kunst, die das Leiden, die Trauer mit der Erlösung, der Gnade verknüpfen; da ist zum anderen die unterdrückte Sexualität, die Neugier und Aggression hervorbringt. So ist Caballeros Werk auch Reaktion auf die Leibfeindlichkeit der Kirche. Allerdings vermeidet er die Simplifikation, die vielleicht nahe liegen könnte.

Es geht ihm um das Gemeinsame in der Tiefe, um das Geheimnis des Ambivalenten, das die Extreme nicht als weit entfernte Fixpunkte voneinander absetzt, sondern deutlich macht, wie eng benachbart sie sind und wie rasch sie sich jederzeit in das Gegenteil verkehren können.

Eines der wichtigen Vorbilder für Luis Caballero in der europäischen Kunstgeschichte ist wohl Goya, in dessen Werk er vergleichbare Extremsituationen der menschlichen Existenz kommentiert findet. Auch in seiner Farbigkeit knüpft Caballero in einigen Fällen ziemlich unmittelbar an späte Gemälde von Goya an, doch ist im Formalen der große Unterschied unübersehbar: Für Caballero steht die Schönheit, die Attraktion “seiner” Körper im Vordergrund, und er macht sie ausschließlich zur Grundlage seiner Arbeit, während Goya bizarre und groteske Verzerrungen gewollt einsetzt, um Situationen zu zeigen, die außerhalb des “Normalen” stehen, oder um Personen zu kennzeichnen und zu entlarven.

Um spezielle Personen geht es Luis Caballero nicht, und so verzichtet er auf jede Schilderung physiognomischer Individualität: Gesichter sind in seinen Arbeiten niemals genau gekennzeichnet, und niemals wird Mimik zum Ausdrucksträger. In dieser Ausschließlichkeit, mit der der Maler den Körper und nur den Körper zum Ausdrucksinstrument in seinen Arbeiten bestimmt, finden sich Parallelen zum späten Werk von Michelangelo. Wie in dessen unvollendeten Arbeiten zum Juliusgrabmal und in den späten Pietà-Darstellungen findet sich auch in Caballeros Werk die Betonung des Torsohaften: bleiben bei Michelangelo häufig Arme, Beine und Gesichter in der Bosse stehen, so schafft Caballero ein vergleichbares Ergebnis durch die Überschneidung seiner Figuren vom Bildrand.

Beides bewirkt formal Abstraktion durch Konzentration und ermöglicht darüber hinaus den Schritt fort von der ikonographischen Eindeutigkeit zur inhaltlichen Ambivalenz.

Bei Michelangelo und den von ihm in seinen späten Werken vertretenen Manierismus war es der Schritt vom religiösen Thema fort zur Darstellung allgemein-menschlicher Themen wie Trauer, Liebe usw. In den gefesselten Sklaven des Juliusgrabmals wird auch der Komplex “Gewalt und Eros” bereits angesprochen, der für Caballero im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens steht.

Mit Michelangelo und Goya sind die Vorbilder in der Kunstgeschichte Europas genannt, die Luis Caballero offensichtlich am stärksten studiert und für sich verarbeitet hat. Bezeichnenderweise stehen beide Künstler für einen radikalen Umbruch im Denken und in der Kunst und entwickeln daraus extreme Sensibilität für die schillernde Vielfalt der menschlichen Existenz mit all ihren Zwischenstufen und Schattierungen.

Eben darum geht es Luis Caballero in seinem Werk, und so ist nur folgerichtig, dass er gerade diese Künstler der Vergangenheit mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtet hat. Allein, er geht – entsprechend unserer Zeit in ihren Problemen – wesentlich weiter in Form und Inhalt, wird objektiver und, indem er als Betroffener kommentiert, zugleich subjektiver in seiner aussage. Seine ganz persönlichen Obsessionen, seine Gedanken und Gefühle bringt er ein in seine Kunst und projiziert auf die Gegenstände seines Interesses, auf die Körper junger Männer.

“Aimer la peau avec la bouche ou avec le pinceau” – so charakterisiert er sein künstlerisches Arbeiten und erklärt zugleich, dass ihm die erotische Komponente auch im kreativen Vorgang des Malens und Zeichnens präsent ist: Das künstlerische Arbeiten wird praktisch zum gleichwertigen Surrogat für die Liebe, beides ist austauschbar. Für Luis Caballero entspricht schließlich die ambivalente Bedeutung des physiologischen Vorganges “Malen/Lieben” der Ambivalenz des Dargestellten.

Jens-Uwe Brinkmann

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