Katalog Albert Merz 1989 Galerie Lietzow

Text von Lucie Schauer (Berlin)

Zeichen aus Zeiten

Albert Merz baut eine Welt aus Symbolen und Archetypen vor uns auf. Vielleicht, nein sicher, ist es das, was uns diese Welt auf den ersten Blick so vertraut erscheinen lässt, obschon sie sich andererseits so fremdartig anbietet. Reale Bezüge auf dem Boden vordergründiger Tatsachen und Handlungen existieren nicht. Die Erzählungen von Albert Merz, wenn man sie überhaupt so nennen darf, reden on Gleichnissen, die uns auf einer anderen Ebene unseres Bewusstseins “zutiefst” berühren. Elementare Dinge. Elementare Dinge, die zeitlos sind, und Merkmale einer Zugeordnetheit zu bestimmten Epochen unserer Kulturgeschichte nicht erkennen lassen; es sei denn im weitesten Sinne zum abendländischen Kulturkreis.

Rückgriffe auf die abendländisch-antike Tradition gehören spätestens seit den achtziger Jahren – nach Konzeptkunst, Minimal-Art, Land-Art und anderen vorherrschenden Strömungen der siebziger Jahre – ganz offenbar wieder zum Trend der gegenwärtigen Kunst. Besonders die Arte Chiffra hat solchen mythischen, zeitübergreifenden Themen – quer zum aktuellen Zeitgeschehen – substantiell ausgelotet und teilweise auch mit neuen Inhalten verknüpft.

Albert Merz kommt es auf diese Konstellationen weniger an. Seine Chiffren beziehen sich überwiegend auf die Grundelemente des menschlichen Daseins. Wie sie dennoch im Kontext zum Zeitgeschehen eine eigene Färbung annehmen, wie sie sich im Spannungsfeld zwischen Pastorale und Apokalypse, Ursprung und Endzeitgefühl konfigurieren, macht ihren individuellen Standort aus.

Die Merz’schen Bilder und Zeichnungen sind häufig ohne Titelbezeichnung. Klugerweise, denn ihre Komplexität lässt sich schwer auf einen Nenner bringen. So literarisch sie anmuten, so wenig sind diese Arbeiten begrifflich zu fassen. Eine Bildbeschreibung soll dies verdeutlichen: Von 1985 stammt eine mittelformatige Kohle-Acryl-Arbeit auf Büttenpapier.

Von graugrünlichem, dunklen Grund heben sich in aperspektivischer, flächiger Kompositionsweise ein Gefäß, ein länglicher Tisch und ein Stück Mauerwand neben ein paar architektonischen Trümmerresten ab. Im Vordergrund liegt, für den Betrachter verkehrt herum gedreht, ein kohleschwarzes Zeichenblatt mit Kreidegraffiti – Bild im Bild – und gibt sich als Vexierstück zu erkennen. Die dort eingeschriebene Figur setzt sich in ihren Umrissen aus Kürzeln für Mensch, Vogel und Wolfshundekörper zusammen und ist doch in eine einzige, fließende Linienfolge gebracht.

Auf demselben Tisch bilden Frauenkopf, Holzscheite und Schüssel so etwas wie ein graffitiartiges Inventarverzeichnis für die Funktionen und Eigenschaften des Weiblichen, während sich das Zeichenblatt unschwer als männlich orientierte Jägerwelt ausmachen lässt. Als verbindende Elemente stehen zum einen die Mauertrümmer, sozusagen als überkommene, wenn auch von der Zeit beschädigte Rest unserer Zivilisation, zum anderen das große vasenförmige Gefäß. dessen (unsichtbarer) Inhalt Spekulation bleibt. Ist es das bewahrende Gedächtnis unserer geschichtlich erlebten Welt? Oder finden wir hier wie im Rätsel von Delphi Antworten auf nichtbeantwortbare Fragen verborgen? Das Geheimnis wird in einem Gleichnis offenbar und verschlüsselt sich im selben Moment

Die Bedeutung der Merz’schen Symbole und Chiffren changiert, ist oft mehrdeutig, mindestens ambivalent. In der kurz vor seinem Tod abgeschlossenen Untersuchung “Zugang zum Unbewussten” hat C.G.Jung sich, wie ein Leben lang in seinen Schriften mit der fundamentalen Rolle der Archetypen und Symbole auseinandergesetzt und ihren Verlust, beziehungsweise ihre Verdrängung aus der rationalen Welt als Katastrophe für den Menschen dargestellt.

Zugleich bezeichnet er das Wesen solcher Gleichnisse als nicht rational erfassbar. Es handelt sich nicht um Namen oder philosophische Begriffe, es sind vielmehr “Bestandteile des Lebens selbst – Bilder, die mit dem lebendigen Menschen durch die Brücke der Emotionen verbunden sind”. Deshalb, so Jung “ist es unmöglich einem Archetyp eine willkürliche (oder allgemeingültige) Deutung zu geben. Man muß ihn so deuten, wie es der Lebenssituation des betreffenden Menschen angemessen ist.”

Damit ist der Gebrauch von Archetypen der individuellen Verfügbarkeit freigegeben. Die Mythenforscher haben das ihre getan, um die alten Kulturkreise für unsere Vorstellungskraft transparent zu machen. Das autonome Ich, das der Mensch im Lauf seiner kulturellen Entwicklung nach und nach geworden ist, mag und darf solche Symbole wiederbeleben und für sich selbst ausschöpfen, vorausgesetzt, dass es mit dem kollektiven Strom der Urbilder unterschwellig verbunden ist. Mit seiner Unterscheidung in “natürliche” und “kulturelle” Symbole hat Jung deutlich gemacht, dass neben der mehr oder weniger unbewussten Ebene psychischer Energien in Alltagszusammenhängen dieses große Reservoir an künstlerischer Substanz existiert, ein gewaltiger Fundus, aus dem der Künstler seinen – ihm gemäßen – Reichtum der Bilder holt.

Fast als Interpretation des soeben Gesagten dann das Diptychon “Versuch des Intellekts” gelten. Es gleicht einer Standortbestimmung des eigenen Selbst. In der Mitte der Komposition befindet sich ein Lattenzaun. der die beiden Hälften des Bildes in eine organische und eine mentale Sphäre trennt. Ein lotendes, schwingendes Pendel versinnbildlicht die Zwitterstellung des Menschen, sein ambivalentes Dasein zwischen Geist und Materie.

Die Tatsache, dass Albert Merz in den letzten drei Jahren mehr und m ehr mit der Form des Diptychons arbeitet, belegt sein dialektisches Verhältnis von den Dingen. Er begreift die Welt und die menschliche Existenz in ihr als Ausformung von Spannungszuständen. “Ich lasse die Hand denken”, sagt Merz, “im Kopf ist es abgeklärt”. So formuliert ein Künstler, der der Intelligenz und der Emotion den gleichen Spielraum in seinem Werk gibt; und dafür bildhafte Zeichen Gleicherweise sucht wie bereits in sich trägt.

Es fällt auf, dass bestimmte Motive in gewissermaßen verschiedenen Aggregatzuständen des Bewusstseins wie der Materie existent werden. ein Kopf zum Beispiel erscheint auf dem gleichen Bild als Statue und als lebendiges Haupt, das gezimmerte Haus gleicht dem danebenstehenden Gebirge, der behauene Quader dem gefällten Baumstamm. Das Gemachte und das Gewachsene, das Kunstvolle und das Natürliche, das Tektonische und das Organische werden aufeinander bezogen als zwei Seiten derselben Medaille, einer höheren Natur, die sich ihrerseits wieder in die elementaren Spannungen Nacht und Tag, Hell und Dunkel, Mann und Frau, Geist und Leben aufspaltet,

Merz findet für alle diese vielfältigen Zusammenhänge und Trennungsvorgänge die adäquaten Chiffren. Brückenschläge von da nach dort sind mal Mauern, mal Leitern, auch mal ein riesiges Rad. Die Bipolaritäten werden versöhnt, zum spannungsvollen Ausgleich gebracht. “Labiles Gleichgewicht” betitelt sich eine Arbeit, auf der eine gelbe, quallenartige Form und eine schwarze Tanne eine Ahnung von der Schwierigkeit solchen Brückenschläge vermitteln.

Es handelt sich bei der Welt-Leben-Interpretazion von Albert Merz niemals um einfache Gleichungen, obschon sie durch ihre ursprüngliche Bildsprache und ihre Motive – Haus, Baum, Pflanze, Zaun, Boot, Würfel, Treppe, Leiter, Turm, Kopf, Mauer, Mensch, Tier, Tisch, Topf, Rad (und anderes) – außerordentlich sinnfällig wirken. Tatsache aber ist, dass die Komplexität dieser Bilder und Zeichnungen mit dem Grad ihrer technischen Perfektion wächst.

Albert Merz hat die Grenze zwischen Bild und Zeichnung zunehmend verwischt. Oft legt er mit Holzkohle ein paar Umrisslinien fest, setzt Farbe dazu, wäscht das Ganze wieder weg, so dass verblassende Spuren stehen bleiben, und geht erneut mit Zeichenstift und Pinsel ans Werk.

Diese neuesten mehrschichtigen Kompositionen gewinnen eine eigenartige Transparenz; besonders, wenn es sich um Mischtechniken handelt. Gleich, ob mit Kreide auf dunklem Grund oder mit Kohle auf hellem Fond gezeichnet wird, oder ob Acrylfarbe die Formen sparsam akzentuiert – der maltechnische Vorgang entspricht der inhaltlichen Aussage. Die Verdichtung ebenso wie die durchscheinende Transparenz signalisieren eine verschlüsselte Botschaft, deren poetische Quintessenz lautet, dass die Gegenstände ihr Innerstes nach außen kehren und ihr Geheimnis preisgeben sollen.

Lucie Schauer

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