Katalog Peter Ackermann 1975 Galerie Lietzow

Text von Peter Ackermann

“Die Gegenständlichkeit der Bilder”

- Keilrahmen und Leinwand bespannt -: altmodisch – umständlich abgegrenztes Arbeitsfeld, von vielen nur für ein Mittel zum Zeck gehalten, um ein Bild “darauf” zu malen – als könne man ein Bild auf das malen, was es doch schon zu Teilen ausmacht -, da e sich doch um eine Fond von bestimmter Materialität handelt, dessen erste Forderung ist, nicht als ein bloßes Mittel vergessen zu werden, während er in einen neuen Gegenstand verwandelt wird, den wir übereingekommen sind, ein Bild zu nennen.
Sowenig bei diesem Prozess vergessen zu werden, wie die Materialität der Farbe, die Volumen und Dimension ist, auch wo sie nur als Oberfläche erscheint. Das ganze gemalte Bild durch Volumen und Dimension zum Gegenstand erklärt -: Fernseh-Bilder huschen durch Rasterpünktchen. – Doch hier ist nicht die Rede von einem Materialwert oder dem fragwürdigen Begriff des Originals, sondern einzig davon, dass das Bild ein Gegenstand ist, und davon, was für ein Gegenstand es ist, und dass diese zwei Bedingungen seine Bedeutung ausmachen. – Aber ich wende mich sogleich gegen die mögliche Erweiterung, dass es sich um einen Gebrauchsgegenstand handle, mit einer klapprigen Funktion, durch die es sich zu legitimieren habe -: vielmehr einer, der im wahren Sinne dieses Wortes durch seine Erscheinung legitimiert ist, also mehr Gegenstand als es irgendein zu irgendeinem Gebrauch bestimmter jemals sein könnte.
In Florenz vor der Kirche S.Croce stehend, bemerkte ich, wie von einem Lastwagen ein Bild abgeladen wurde (Foto). Offenbar frisch restauriert kehrte es, ein großes Kirchenbild, aus der Werkstatt an seinen Platz im linken Seitenschiff zurück; vier oder sechs Männer legten es dort vor einem der großen Portal-Rahmen aus grauem Stein auf den Boden; am Nachmittag setzte man es mit viel Mühe wieder ein. – diesem Bild hätte ich sonst nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, so aber, bewirkt durch Mittel und Umstände des Transports, den unverdeckt-freiliegenden Anblick der mächtigen Rahmen-Konstruktion, schließlich den übermächtigen Stein-Rahmen, in dessen Mitte die unverputzte Ziegelstein-Wand sichtbar war, geriet es in einen Zustand zwingender Objekt-Haftigkeit, die ihm meine Teilnahme sichern musste: – gleichgültig gegenüber einer kirchlich-religiösen Funktion, die mir nichts bedeutet, erläuterte sich mir die Gegenständlichkeit einer bemalten Fläche.
Nicht einem Objekt-Formalismus rede ich hier das Wort, viel eher der Notwendigkeit solcher Gegenstände, solcher Nur-Gegenstände, auf die einzig die Gesellschaft einen Anspruch gegenüber dem Künstler hat. – Was, wenn nicht dies, könnte sie von ihm erwarten, und was anderes nicht eher von anderen – jetzt, nachdem sich die pädagogischen Wissenschaften endgültig emanzipiert haben?
Indem die Gegenständlichkeit der Bilder hervortritt – und wir dieses Hervortreten, dieses sich als Bild in Volumen und Dimension zu Erkennen geben, betonen, verstärken – wird dem Publikum die Verlegenheit erspart bleiben, sich einer Bild-Bedeutung durch Ausdeutung, durch mühsame Privat-Exegese versichern zu müssen, die Bild-Erscheinung deren Interpretation zu opfern, ein Seh- und Hirn-Vergnügen vor Kunstgeschichts-Begriffen rechtfertigen zu müssen.
Der reflektierenden Bild-Exegese wird gern entgegengesetzt eine bloß gemüthafte Bild-Erbauung, ein gedankenloses Schweigen vor unbefragter Kunst-Erhabenheit, als gäbe es nur diese eine, so oft behauptete Alternative zwischen Problem-Verbalisierung und genusssüchtiger Ignoranz -: diese gibt es freilich; das postulierte Entweder-oder aber beruft sich nur auf den blinden Glauben, dass das Gegenteil des Falschen auch immer gleich das Richtige sein müsse. – Das ist es aber auch hier nicht; die wahre Arbeit der Reflektion darf vor den Bildern nie vergessen, dass der in Bildmaterie gebundene Gedanke von dieser nicht gelöst werden kann, ohne selbst aufgelöst zu werden. – Übersetzung in Sprach- und Schreibwörter mag vieles hinzufügen, doch das, was sie ausspricht, begräbt nur leicht unter sich, wovon sie spricht.
Peter Ackermann
November 1974

- Keilrahmen und Leinwand bespannt -: altmodisch – umständlich abgegrenztes Arbeitsfeld, von vielen nur für ein Mittel zum Zeck gehalten, um ein Bild “darauf” zu malen – als könne man ein Bild auf das malen, was es doch schon zu Teilen ausmacht -, da e sich doch um eine Fond von bestimmter Materialität handelt, dessen erste Forderung ist, nicht als ein bloßes Mittel vergessen zu werden, während er in einen neuen Gegenstand verwandelt wird, den wir übereingekommen sind, ein Bild zu nennen.

Sowenig bei diesem Prozess vergessen zu werden, wie die Materialität der Farbe, die Volumen und Dimension ist, auch wo sie nur als Oberfläche erscheint. Das ganze gemalte Bild durch Volumen und Dimension zum Gegenstand erklärt -: Fernseh-Bilder huschen durch Rasterpünktchen. – Doch hier ist nicht die Rede von einem Materialwert oder dem fragwürdigen Begriff des Originals, sondern einzig davon, dass das Bild ein Gegenstand ist, und davon, was für ein Gegenstand es ist, und dass diese zwei Bedingungen seine Bedeutung ausmachen. – Aber ich wende mich sogleich gegen die mögliche Erweiterung, dass es sich um einen Gebrauchsgegenstand handle, mit einer klapprigen Funktion, durch die es sich zu legitimieren habe -: vielmehr einer, der im wahren Sinne dieses Wortes durch seine Erscheinung legitimiert ist, also mehr Gegenstand als es irgendein zu irgendeinem Gebrauch bestimmter jemals sein könnte.

In Florenz vor der Kirche S.Croce stehend, bemerkte ich, wie von einem Lastwagen ein Bild abgeladen wurde (Foto). Offenbar frisch restauriert kehrte es, ein großes Kirchenbild, aus der Werkstatt an seinen Platz im linken Seitenschiff zurück; vier oder sechs Männer legten es dort vor einem der großen Portal-Rahmen aus grauem Stein auf den Boden; am Nachmittag setzte man es mit viel Mühe wieder ein. – diesem Bild hätte ich sonst nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, so aber, bewirkt durch Mittel und Umstände des Transports, den unverdeckt-freiliegenden Anblick der mächtigen Rahmen-Konstruktion, schließlich den übermächtigen Stein-Rahmen, in dessen Mitte die unverputzte Ziegelstein-Wand sichtbar war, geriet es in einen Zustand zwingender Objekt-Haftigkeit, die ihm meine Teilnahme sichern musste: – gleichgültig gegenüber einer kirchlich-religiösen Funktion, die mir nichts bedeutet, erläuterte sich mir die Gegenständlichkeit einer bemalten Fläche.

Nicht einem Objekt-Formalismus rede ich hier das Wort, viel eher der Notwendigkeit solcher Gegenstände, solcher Nur-Gegenstände, auf die einzig die Gesellschaft einen Anspruch gegenüber dem Künstler hat. – Was, wenn nicht dies, könnte sie von ihm erwarten, und was anderes nicht eher von anderen – jetzt, nachdem sich die pädagogischen Wissenschaften endgültig emanzipiert haben?

Indem die Gegenständlichkeit der Bilder hervortritt – und wir dieses Hervortreten, dieses sich als Bild in Volumen und Dimension zu Erkennen geben, betonen, verstärken – wird dem Publikum die Verlegenheit erspart bleiben, sich einer Bild-Bedeutung durch Ausdeutung, durch mühsame Privat-Exegese versichern zu müssen, die Bild-Erscheinung deren Interpretation zu opfern, ein Seh- und Hirn-Vergnügen vor Kunstgeschichts-Begriffen rechtfertigen zu müssen.

Der reflektierenden Bild-Exegese wird gern entgegengesetzt eine bloß gemüthafte Bild-Erbauung, ein gedankenloses Schweigen vor unbefragter Kunst-Erhabenheit, als gäbe es nur diese eine, so oft behauptete Alternative zwischen Problem-Verbalisierung und genusssüchtiger Ignoranz -: diese gibt es freilich; das postulierte Entweder-oder aber beruft sich nur auf den blinden Glauben, dass das Gegenteil des Falschen auch immer gleich das Richtige sein müsse. – Das ist es aber auch hier nicht; die wahre Arbeit der Reflektion darf vor den Bildern nie vergessen, dass der in Bildmaterie gebundene Gedanke von dieser nicht gelöst werden kann, ohne selbst aufgelöst zu werden. – Übersetzung in Sprach- und Schreibwörter mag vieles hinzufügen, doch das, was sie ausspricht, begräbt nur leicht unter sich, wovon sie spricht.

Peter Ackermann

November 1974

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